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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM638
worden und wollte bei dieser unbedingt auch die eigene Huldigungsadresse
vor den Augen der Öffentlichkeit präsentiert wissen.777
Leihgaben wurden allerdings, wie wir es bereits im Fall des Mährischen
Gewerbemuseums beobachten konnten, nicht immer bewilligt, v. a. dann
nicht, wenn es Interessenskonflikte gab. Im Februar 1893 wandte sich die
Zentralkommission für die Weltausstellung in Chicago an Bibliotheksleiter
Zhishman mit der Bitte, dass fünf Einbände bzw. Alben von Adressen mit
kaiserlicher Genehmigung „für die Zwecke der Ausstellung in Chicago der
Commission leihweise zur Verfügung gestellt werden mögen.“778 Das Ansu-
chen wurde schließlich nach erheblichem Widerstand aus der Fideikommiss-
bibliothek abgelehnt. Zhishman hatte nämlich in einem Vortrag an den Ge-
neraldirektor alle möglichen Sicherheitsbedenken geltend gemacht.779 Der
entfernte Ort der Ausstellung und die weite Reise über den Atlantik waren
zweifellos Umstände, die zu Vorbehalten gegenüber einer Versendung der
Objekte Anlass gaben. Darüber hinaus lässt die Argumentation Zhishmans
jedoch deutlich die Tendenz erkennen, möglichst viele weitere Gründe für
die Ablehnung des Leihansuchens zu finden, welche aber nicht immer glaub-
haft oder nachvollziehbar sind: Man hätte bisher schlechte Erfahrungen mit
Leihgaben gemacht; bei einer Ausstellung in Genua,780 die in keinem ersicht-
lichen Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Fall steht, hätten Objekte
durch Wasser Schaden gelitten; die Kommission übernehme keine Sicher-
heitsgarantien; für die Präsentation wären wahrscheinlich keine Vitrinen
vorgesehen und die Adressen wären deshalb der Witterung ausgesetzt, und
die Kommission beabsichtigte anscheinend alle 800 anlässlich der silbernen
Hochzeit gewidmeten Huldigungsadressen zu entlehnen. Erst am Ende sei-
nes Lamentos kommt Zhishman auf jenen Punkt zu sprechen, der vermut-
lich das eigentliche Motiv für seine ablehnende Haltung darstellte:
„Noch ist zu erwägen, daß mit der Überweisung der von der Comission ge-
wünschten Objecte der dritte Theil der in der fam. fid. Comiss. [Bibliothek] mit
so viel Mühe durchgeführten Adressenausstellung ausgeräumt werden müßte
so daß durch mindestens zwei Jahre arge, den harmonischen Eindruck beleidi-
gende Lücken entstünden, wodurch die F[idei]Comiss-Collection sich für diese
777 Ebenda, fol. 5r–v; dem Ansuchen wurde von Karpf stattgegeben.
778 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, R. 5, Kt. 534, Z. 571 ex. 1893: Schreiben an Zhishman v.
26.01.1893.
779 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, R. 5, Kt. 534, Z. 571 ex. 1893: Schreiben Zhishmans an die
Generaldirektion vom 07.02.1893; dazu das schwer lesbare und mit zahlreichen Korrektu-
ren versehene Konzept unter FKBA34012, fol. 4r–5r.
780 Wahrscheinlich handelt es sich um eine, im Jahr 1892 in Genua veranstaltete, Colum-
bus-Ausstellung (vgl. Wiener Zeitung, Nr. 172 v. 28.07.1892, 3).
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Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken