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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK
1914–1919952
und die vorrangige Einsetzung von Verkehrsmitteln für die Armee hatten
Transportengpässe sowohl bei Rohstoffen (Kohle) als auch bei Nahrungsmit-
teln (Brot und Mehl) zur Folge. Eine deutliche Teuerung der Lebensmittel-
preise war die Folge. Als Konsequenz daraus erging am 10. Oktober 1914
eine kaiserliche Ermächtigungsverordnung an das Handelsministerium zur
Streckung von Lebensmitteln bzw. zur Verwendung von Ersatzstoffen. Im
April 1915 erfolgte die erste Lebensmittelrationierung durch die Ausgabe
von Brot- und Mehlkarten, der viele weitere folgen sollten, 1917 kamen Kar-
toffeln hinzu.118
Die ausreichende Lebensmittelversorgung für das Hinterland war dem-
nach im Herbst 1914 nicht mehr gewährleistet. Die Wiener Bevölkerung
konnte sich in den Kriegsjahren oft nur durch die (verbotenen) Hamsterfahr-
ten aufs Land mit Kartoffeln und anderen Lebensmitteln versorgen.119 Den-
noch ermöglichten die Verankerung der Fideikommissbibliothek bei Hof und
im Besonderen die Eingliederung in die Generaldirektion der allerhöchsten
Privat- und Familienfonde den Beamten einen privilegierten Zugang zu
Nahrungsmitteln und warmem Essen. Vorteilhaft wirkte sich die Schlüs-
selposition der Generaldirektion aus, da ihr sämtliche Güter der habsbur-
gischen Privat- und Familiengüter unterstellt waren und daher Ansuchen
der untergeordneten Stellen direkt an die Generaldirektion gestellt werden
konnten. Aus den Akten geht klar hervor, dass die sogenannten „Fondsan-
gestellten“ eine bevorzugte Stellung innehatten. So ist ein Ankauf der Fidei-
kommissbibliothek von 22 Säcken Kartoffeln um 44 K von der Gutsverwal-
tung Göding im Jahr 1915 belegt. Aus dem Jahr 1916 hat sich ein Ansuchen
an die Generaldirektion für eine neuerliche Auslieferung von Mehl und Kar-
toffeln erhalten.120 Die Versorgung der Bibliotheksangestellten mit Mehl und
Kartoffeln ist bis in das Jahr 1919 belegt.121
Das seit den 1880er Jahren in Gebrauch gekommene „Wildpretquantum“
wurde jährlich bis zum Dezember 1918 zugestellt.122 Dabei handelt es sich um
eine, je nach Dienstgrad variierende, Anzahl von Hasen und Fasanen, welche
118 Rauchensteiner, Weltkrieg, 210–213.
119 Pfoser/Weigl, Zusammenbruch, 658–661.
120 FKBA43041.
121 Wien, ÖStA, HHStA, Güterdirektion Wien 3738, 1390/1919.
122 Das letzte Ansuchen wird am 18.11.1918 von Franz Schnürer im Namen der gesamten
Belegschaft gestellt, um das Bibliothekspersonal „an dem Wildbezug in gleicher Weise wie
das Personale der Generaldirektion teilnehmen zu lassen, indem ich mir hinzuzufügen ge-
statte, daß wir in diesem Herbste noch niemals mit Kaufwild beteilt worden sind“. Vgl.
Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF J.R., Rubr. 5 Fideikommissbibliothek 541, 3452/1918, fol. 1r.
Zur jährlichen Liste mit der exakten Anzahl an Hasen und Fasanen für das Bibliotheksper-
sonal vgl. FKBA32122.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken