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DIE „K. U. K. FAMILIEN-FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK“ IM ERSTEN WELTKRIEG 955
An der Situation in den Dezembertagen des Jahres 1918 änderte sich jedoch
nichts. Bereits 14 Tage später berichtet Brentano Schnürer: „Ich komme
jetzt immer nur zum Essen herein, da ich hier 1.) nichts zu tun finde, 2)
nichts tun kann. Es heißt ja, dass mit Ende Dezember auch dieses Lokal
nicht mehr geheizt und die Bibliothek gesperrt werden soll“.134 Neben der
Ratlosigkeit über die weitere Funktion und Fortführung des geregelten
Betriebs in der Fideikommissbibliothek ist also auch die Kälte der Winter-
monate ein Hinderungsgrund für das Weiterarbeiten. Das Mittagessen ent-
puppt sich für Bibliotheksangestellte als einziger Anlass, überhaupt in die
Bibliothek zu kommen.
Die Kohlerationen waren im Verlauf des Winters 1918/19 verstärkt rück-
läufig135 und blieben auch für den privaten Gebrauch keineswegs ausrei-
chend. Daher versorgte sich die Wiener Bevölkerung bald mit selbst geschlä-
gertem Holz aus dem Wienerwald, um den Bedarf notdürftig zu decken.136
Leopoldine Wittgenstein klagte noch im Juni 1919 gegenüber ihrem Sohn
Ludwig über das fehlende Brennmaterial für die Zentralheizung im Haus
in Neuwaldegg. Die Beheizung des Hauses musste man schließlich „der
Sonne überlassen […], die sich aber nur selten sehen ließ.“137 Das Fehlen
von Heizmaterial im Dezember 1919 beschreibt der Jurist und Abgeordnete
Josef Redlich in seinen Tagebüchern ebenso trist, da „wir alle auf das eine
geheizte Zimmer zusammengedrängt leben“.138
1.2 Sammlungsstrategien in den Kriegsjahren
1.2.1 Zustand der Sammlungen und Katalogisierungsarbeiten
Nicht ohne Wehmut blickten die Bibliothekare in der Kriegszeit auf die
glanzvolle Periode der Bibliothek unter Kaiser Franz II./I. zurück. Im Ge-
gensatz zu dieser Zeit des umfangreichen Bestandsaufbaus musste nun ver-
sucht werden, die nur mehr marginal anwachsenden Bücher- und Kunst-
schätze ordnungsgemäß zu verwalten.
Man versuchte also, die Arbeit an den bereits vorhandenen Beständen
zu vertiefen, da sich die „Lahmlegung der literarischen Arbeit“139 und der
wissenschaftlichen Forschung nach Kriegsausbruch auch im Rückgang
134 Ebenda.
135 Wiener Zeitung 42 (20.02.1919) 7.
136 Weber, Zusammenbruch, 10.
137 Autogr. 1277/2–12 Han, Brief von Leopoldine Wittgenstein an Ludwig Wittgenstein
(12.06.1919) fol 1r.
138 Redlich, Tagebücher 2, 517.
139 Brentano, Gott, 290.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken