Page - 983 - in Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918 - Metamorphosen einer Sammlung
Image of the Page - 983 -
Text of the Page - 983 -
DIE „K. U. K. FAMILIEN-FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK“ IM ERSTEN WELTKRIEG 983
Tat um. Doch für die Öffentlichkeit waren die Sammlungsräume bis zum
Ende der Monarchie nicht zugänglich. So lehnte man 1916 ohne weitere Be-
gründung seitens der Fideikommissbibliothek das Ansuchen des Österrei-
chischen Gebirgsvereins für eine Gruppenführung durch die Bibliothek ab.261
Hierbei spielten vermutlich auch andere Gründe eine Rolle. Dadurch, dass
das Bibliothekspersonal durch die Militärdienstleistung stetig dezimiert
wurde, konnte man bei Gruppenführungen vermutlich nicht mehr gewähr-
leisten, dass Bibliotheksbestände ausreichend überwacht wurden. Dies galt
auch für den Zugang zu den Bibliotheksräumen. Nach der Fertigstellung des
neuen Hofburgtraktes hatte man die Bauhütte vor dem Vestibül der Neuen
Hofburg demoliert. Dies verkomplizierte den Zutritt für die Bibliotheksange-
stellten und man war nach Absprache mit dem Oberstkämmereramt über-
eingekommen, dass ein Schlüssel für die Bibliotheksbediensteten bei den
Kunsthistorischen Sammlungen hinterlegt werde.262 Auch die Generaldirek-
tion hatte Bedenken, dass Einbrecher die offene Eingangstüre des Corps de
logis nützen könnten, um sich tagsüber dort zu verstecken und des Nachts
Bibliotheksgut zu entwenden und bat daher das Obersthofmeisteramt um
die Bewachung des Eingangs.263 Tatsächlich hatte das Bibliothekspersonal
bis 1919 nur in den Amtsstunden von 12 bis 14 Uhr Zugang zur Bibliothek.
Dies erhellt ein Ansuchen um Ausweitung der Amtsstunden auf 10 bis 14
Uhr, um die in der Fideikommissbibliothek anstehenden Arbeiten der Neu-
signierung und Inventarisierung durchführen zu können.264
Tatsächlich kam es in dieser Zeit zu keinem Einbruch in die Bibliotheks-
räumlichkeiten, wohl aber zu einer Entwendung und einem versuchtem Ver-
kauf von zwei Bänden der Fideikommissbibliothek, der auch in der Presse
Schlagzeilen machte.265 Dies lag allerdings weder an der mangelnden Sicher-
heit in den Bibliotheksräumen, geschweige denn an der Nichtachtsamkeit
des Bibliothekspersonals. Die beiden „Silhouettenbände“266 wurden 1917
261 FKBA44022.
262 FKBA42061.
263 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF J.R., Rubr. 5 Fideikommissbibliothek 540, 1/1915.
264 FKBA46056.
265 Der Artikel in der „Volks-Zeitung“ vom 13.06.1920 lautet „Bücherdiebstahl in der Hofburg.
Verhaftung eines Trienter Kaufmannes. Einer Korrespondenzmeldung zufolge wurde bei
der Fremdenkontrolle am Brenner der Trienter Kaufmann Padrotti [Pedrotti] in dem Mo-
ment verhaftet, als er drei wertvolle Bücher die aus einem Diebstahl in der Wiener Hof-
burg herstammen, über die Grenze schmuggeln wollte. Die Bücher wurden beschlagnahmt.
Über die Umstände, unter denen der Diebstahl verübt wurde, ist vorläufig nichts bekannt,
ebenso darüber, wie sie in den Besitz des Kaufmannes gelangten.“
266 FRANZ 28116. Im Bericht der Nebenzollstelle Gries am Brenner werden die beiden Bände
folgendermaßen beschrieben: „Diese zwei Bände enthalten Sylhuetten und Gedenkauf-
zeichnungen in Originalhandschrift von Persönlichkeiten des damaligen österr. Kaiserhau-
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken