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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK
1914–19191006
dem Vertrag von Saint-Germain vor. Das im Anhang edierte und mit dem
27. Mai 1919 datierte Schreiben365 gibt darüber hinaus Auskunft über die be-
reits erfolgte Angelobung der Beamten der Fideikommissbibliothek auf den
Deutschösterreichischen Staat, repräsentiert durch den Anwalt der Repu-
blik und Präsidenten des Kriegsgeschädigtenfonds, Gustav Harpner. Dies ist
ein weiteres Beispiel für die Unsicherheit bei der Vorgehensweise im Rah-
men der Verstaatlichung der Fideikommissbibliothek.
Payer-Thurn gab in dem Schriftstück an Förster Streffleur zu bedenken,
dass die Eigentumsverhältnisse der Fideikommissbibliothek zu diesem Zeit-
punkt nicht geklärt waren, da im Habsburgergesetz die genaue Definition
des „gebundenen Vermögens“ fehle.
„Dagegen würde eine Übernahme der Bibliothek in die Verwaltung des Deut-
schösterreichischen Staatsamtes für Unterricht aller Wahrscheinlichkeit
nach sofort Ansprüche der Liquidierungskommissionen der Nationalstaaten
wachrufen, die ich, soweit sie bisher an mich auf inoffiziellem Wege heran-
getreten sind, mit dem Hinweis auf die ungeklärten Eigentumsverhältnisse
ablehnen konnte.“366
Schließlich schlägt Payer-Thurn vor, mit einer Entscheidung bis zum Frie-
densschluss bzw. dem Abzug der italienischen Okkupationstruppen zu warten.
Diese Vorgehensweise hatte man schließlich gewählt, da es bereits zur Konfis-
zierung von Kulturgütern aus anderen Wiener Institutionen gekommen war.
2.2 Der Vertrag von Saint-Germain und die Forderungen der
Nachfolgestaaten an Kulturgütern der Habsburgermonarchie
„Heute vormittags erschien beim Direktor der Gemäldegalerie im kunsthistorischen
Museum Dr. Glück der Direktor des Museums in Venedig Professor Fogolari und
erklärte im Auftrage des Generals Segre, daß die seinerzeit aus Venedig nach Wien
gebrachten Kunstwerke sofort an Italien auszuliefern sein. […] Professor Fogolari
erklärte, daß er zunächst auf die 37 Bilder Anspruch erhebe, welche in der Samm-
lung d’Este im Hoftrakt der neuen Hofburg sich befinden. Er begab sich sodann mit
dem Lastenauto zu dem neuen Hoftrakt, wo die Bilder aus dem Rahmen gehoben, in
Seidenpapier eingepackt und auf das Auto gebracht wurden. […]“.367
365 FKBA46068.
366 FKBA46068, fol. 2v.
367 Wiener Zeitung Nr. 12243 (12.02.1919) 5.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken