Page - 172 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gegen die Abstellung seiner Symptome und die Herstellung eines normalen Ablaufes in seinen
seelischen Vorgängen wehrt? Wir sagen uns, wir haben da starke Kräfte zu spüren bekommen,
die sich einer Veränderung des Zustandes widersetzen; es müssen dieselben sein, die seinerzeit
diesen Zustand erzwungen haben. Es muß bei der Symptombildung etwas vor sich gegangen sein,
was wir nun aus unseren Erfahrungen bei der Symptomlösung rekonstruieren können. Wir wissen
schon aus der Breuerschen Beobachtung, die Existenz des Symptoms hat zur Voraussetzung, daß
irgendein seelischer Vorgang nicht in normaler Weise zu Ende geführt wurde, so daß er bewußt
werden konnte. Das Symptom ist ein Ersatz für das, was da unterblieben ist. Nun wissen wir, an
welche Stelle wir die vermutete Kraftwirkung zu versetzen haben. Es muß sich ein heftiges
Sträuben dagegen erhoben haben, daß der fragliche seelische Vorgang bis zum Bewußtsein
vordringe; er blieb darum unbewußt. Als Unbewußtes hatte er die Macht, ein Symptom zu bilden.
Dasselbe Sträuben widersetzt sich während der analytischen Kur dem Bemühen, das Unbewußte
ins Bewußte überzuführen, von neuem. Dies verspüren wir als Widerstand. Der pathogene
Vorgang, der uns durch den Widerstand erwiesen wird, soll den Namen Verdrängung erhalten.
Über diesen Prozeß der Verdrängung müssen wir uns nun bestimmtere Vorstellungen machen. Er
ist die Vorbedingung der Symptombildung, aber er ist auch etwas, wozu wir nichts Ähnliches
kennen. Nehmen wir einen Impuls, einen seelischen Vorgang mit dem Bestreben, sich in eine
Handlung umzusetzen, als Vorbild, so wissen wir, daß er einer Abweisung unterliegen kann, die
wir Verwerfung oder Verurteilung heißen. Dabei wird ihm die Energie, über die er verfügt,
entzogen, er wird machtlos, aber er kann als Erinnerung bestehen bleiben. Der ganze Vorgang der
Entscheidung über ihn läuft unter dem Wissen des Ichs ab. Ganz anders, wenn wir uns denken,
daß derselbe Impuls der Verdrängung unterworfen würde. Dann behielte er seine Energie und es
würde keine Erinnerung an ihn übrigbleiben; auch würde sich der Vorgang der Verdrängung vom
Ich unbemerkt vollziehen. Durch diese Vergleichung kommen wir dem Wesen der Verdrängung
also nicht näher.
Ich will Ihnen auseinandersetzen, welche theoretischen Vorstellungen sich allein brauchbar
erwiesen haben, um den Begriff der Verdrängung an eine bestimmtere Gestalt zu binden. Es ist
vor allem dazu notwendig, daß wir von dem rein deskriptiven Sinn des Wortes »unbewußt« zum
systematischen Sinn desselben Wortes fortschreiten, das heißt wir entschließen uns zu sagen, die
Bewußtheit oder Unbewußtheit eines psychischen Vorganges ist nur eine der Eigenschaften
desselben und nicht notwendig eine unzweideutige. Wenn ein solcher Vorgang unbewußt
geblieben ist, so ist diese Abhaltung vom Bewußtsein vielleicht nur ein Anzeichen des
Schicksals, das er erfahren hat, und nicht dieses Schicksal selbst. Um uns dieses Schicksal zu
versinnlichen, nehmen wir an, daß jeder seelische Vorgang – es muß da eine später zu
erwähnende Ausnahme zugegeben werden – zuerst in einem unbewußten Stadium oder Phase
existiert und erst aus diesem in die bewußte Phase übergeht, etwa wie ein photographisches Bild
zuerst ein Negativ ist und dann durch den Positivprozeß zum Bild wird. Nun muß aber nicht aus
jedem Negativ ein Positiv werden, und ebensowenig ist es notwendig, daß jeder unbewußte
Seelenvorgang sich in einen bewußten umwandle. Wir drücken uns mit Vorteil so aus, der
einzelne Vorgang gehöre zuerst dem psychischen System des Unbewußten an und könne dann
unter Umständen in das System des Bewußten übertreten.
Die roheste Vorstellung von diesen Systemen ist die für uns bequemste; es ist die räumliche. Wir
setzen also das System des Unbewußten einem großen Vorraum gleich, in dem sich die
seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen Vorraum schließe sich ein zweiter,
engerer, eine Art Salon, in welchem auch das Bewußtsein verweilt. Aber an der Schwelle
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin