Page - 173 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zwischen beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen
Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einläßt, wenn sie sein Mißfallen
erregen. Sie sehen sofort ein, daß es nicht viel Unterschied macht, ob der Wächter eine einzelne
Regung bereits von der Schwelle abweist oder ob er sie wieder über sie hinausweist, nachdem sie
in den Salon eingetreten ist. Es handelt sich dabei nur um den Grad seiner Wachsamkeit und um
sein frühzeitiges Erkennen. Das Festhalten an diesem Bilde gestattet uns nun eine weitere
Ausbildung unserer Nomenklatur. Die Regungen im Vorraum des Unbewußten sind dem Blick
des Bewußtseins, das sich ja im anderen Raum befindet, entzogen; sie müssen zunächst unbewußt
bleiben. Wenn sie sich bereits zur Schwelle vorgedrängt haben und vom Wächter
zurückgewiesen worden sind, dann sind sie bewußtseinsunfähig; wir heißen sie verdrängt. Aber
auch die Regungen, welche der Wächter über die Schwelle gelassen, sind darum nicht notwendig
auch bewußt geworden; sie können es bloß werden, wenn es ihnen gelingt, die Blicke des
Bewußtseins auf sich zu ziehen. Wir heißen darum diesen zweiten Raum mit gutem Recht das
System des Vorbewußten. Das Bewußtwerden behält dann seinen rein deskriptiven Sinn. Das
Schicksal der Verdrängung besteht aber für eine einzelne Regung darin, daß sie vom Wächter
nicht aus dem System des Unbewußten in das des Vorbewußten eingelassen wird. Es ist derselbe
Wächter, den wir als Widerstand kennenlernen, wenn wir durch die analytische Behandlung die
Verdrängung aufzuheben versuchen.
Nun weiß ich ja, Sie werden sagen, diese Vorstellungen sind ebenso roh wie phantastisch und in
einer wissenschaftlichen Darstellung gar nicht zulässig. Ich weiß, daß sie roh sind; ja noch mehr,
wir wissen auch, daß sie unrichtig sind, und wenn wir nicht sehr irren, so haben wir bereits einen
besseren Ersatz für sie bereit. Ob sie Ihnen dann auch noch so phantastisch erscheinen werden,
weiß ich nicht. Vorläufig sind es Hilfsvorstellungen wie die vom Ampèreschen Männchen, das
im elektrischen Stromkreis schwimmt, und nicht zu verachten, insofern sie für das Verständnis
der Beobachtungen brauchbar sind. Ich möchte Ihnen versichern, daß diese rohen Annahmen von
den zwei Räumlichkeiten, dem Wächter an der Schwelle zwischen beiden und dem Bewußtsein
als Zuschauer am Ende des zweiten Saales doch sehr weitgehende Annäherungen an den
wirklichen Sachverhalt bedeuten müssen. Ich möchte auch von Ihnen das Zugeständnis hören,
daß unsere Beziehungen: unbewußt, vorbewußt, bewußt weit weniger präjudizieren und leichter
zu rechtfertigen sind als andere, die in Vorschlag oder in Gebrauch gekommen sind, wie:
»unterbewußt, nebenbewußt, binnenbewußt und dergleichen.
Bedeutsamer wird es mir darum sein, wenn Sie mich daran mahnen, daß eine solche Einrichtung
des seelischen Apparates, wie ich sie hier zugunsten der Erklärung neurotischer Symptome
angenommen habe, nur eine allgemein gültige sein und also auch über die normale Funktion
Auskunft geben müßte. Darin haben Sie natürlich recht. Wir können dieser Folgerung jetzt nicht
nachgehen, aber unser Interesse für die Psychologie der Symptombildung muß eine
außerordentliche Steigerung erfahren, wenn die Aussicht besteht, durch das Studium
pathologischer Verhältnisse Aufschluß über das so gut verhüllte normale seelische Geschehen zu
bekommen.
Erkennen Sie übrigens nicht, worauf sich unsere Aufstellungen von den beiden Systemen, dem
Verhältnis zwischen ihnen und zum Bewußtsein stützen? Der Wächter zwischen dem
Unbewußten und dem Vorbewußten ist doch nichts anderes als die Zensur, der wir die Gestaltung
des manifesten Traumes unterworfen fanden. Die Tagesreste, in denen wir die Anreger des
Traumes erkannten, waren vorbewußtes Material, welches zur Nachtzeit im Schlafzustande den
Einfluß unbewußter und verdrängter Wunschregungen erfahren hatte und in Gemeinschaft mit
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin