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oder eine Abwehr derselben, und zwar wiegt bei der Hysterie der positive, wunscherfüllende, bei
der Zwangsneurose der negative, asketische Charakter im ganzen vor. Wenn die Symptome
sowohl der Sexualbefriedigung als auch ihrem Gegensatz dienen können, so hat diese
Zweiseitigkeit oder Polarität eine ausgezeichnete Begründung in einem Stück ihres
Mechanismus, welches wir noch nicht erwähnen konnten. Sie sind nämlich, wie wir hören
werden, Kompromißergebnisse, aus der Interferenz zweier gegensätzlichen Strebungen
hervorgegangen, und vertreten ebensowohl das Verdrängte wie das Verdrängende, das bei ihrer
Entstehung mitgewirkt hat. Die Vertretung kann dann mehr zugunsten der einen oder anderen
Seite geraten, nur selten fällt ein Einfluß völlig aus. Bei der Hysterie wird zumeist das
Zusammentreffen beider Absichten in dem nämlichen Symptom erreicht. Bei der Zwangsneurose
fallen beide Anteile oft auseinander; das Symptom wird dann zweizeitig, es besteht aus zwei
Aktionen, einer nach der anderen, die einander aufheben.
Nicht so leicht werden wir ein zweites Bedenken erledigen. Wenn Sie eine größere Reihe von
Symptomdeutungen überschauen, werden Sie wahrscheinlich zunächst urteilen, daß der Begriff
einer sexuellen Ersatzbefriedigung bei ihnen bis zu seinen äußersten Grenzen gedehnt worden
sei. Sie werden nicht versäumen zu betonen, daß diese Symptome nichts Reales an Befriedigung
bieten, daß sie sich oft genug auf die Belebung einer Sensation oder die Darstellung einer
Phantasie aus einem sexuellen Komplex beschränken. Ferner, daß die angebliche
Sexualbefriedigung so häufig einen kindischen und unwürdigen Charakter zeigt, sich etwa einem
masturbatorischen Akt annähert, oder an die schmutzigen Unarten erinnert, die man schon den
Kindern verbietet und abgewöhnt. Und darüber hinaus werden Sie auch Ihre Verwunderung
äußern, daß man für eine Sexualbefriedigung ausgeben will, was vielleicht als Befriedigung von
grausamen oder gräßlichen, selbst unnatürlich zu nennenden Gelüsten beschrieben werden
müßte. Über diese letzteren Punkte, meine Herren, werden wir kein Einvernehmen erzielen, ehe
wir nicht das menschliche Sexualleben einer gründlichen Untersuchung unterzogen und dabei
festgestellt haben, was man berechtigt ist, sexuell zu nennen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin