Page - 181 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Regungen stärker erscheinen müssen, als sie ausgefallen wären, wenn sich der normalen
Sexualbefriedigung kein reales Hindernis entgegengestellt hätte. Ein ähnlicher Einfluß ist
übrigens auch für die manifesten Perversionen anzuerkennen. Sie werden in manchen Fällen
dadurch provoziert oder aktiviert, daß einer normalen Befriedigung des Sexualtriebes allzu große
Schwierigkeiten gemacht werden, infolge vorübergehender Umstände oder dauernder sozialer
Einrichtungen. In anderen Fällen sind die Perversionsneigungen freilich von solchen
Begünstigungen ganz unabhängig; sie sind sozusagen für dieses Individuum die normale Art des
Sexuallebens.
Vielleicht haben Sie im Augenblicke den Eindruck, als hätten wir das Verhältnis zwischen
normaler und perverser Sexualität eher verwirrt als geklärt. Halten Sie sich aber an folgende
Überlegung: Wenn es richtig ist, daß die reale Erschwerung oder die Entbehrung einer normalen
Sexualbefriedigung bei Personen perverse Neigungen zum Vorschein bringen, die sonst keine
solchen gezeigt hatten, so muß bei diesen Personen etwas anzunehmen sein, was den
Perversionen entgegenkommt; oder wenn Sie so wollen, sie müssen in latenter Form bei ihnen
vorhanden sein. Auf diesem Wege kommen wir aber auf die zweite Neuheit, die ich Ihnen
angekündigt habe. Die psychoanalytische Forschung ist nämlich genötigt worden, sich auch um
das Sexualleben des Kindes zu bekümmern, und zwar dadurch, daß die Erinnerungen und
Einfälle bei der Analyse der Symptome regelmäßig bis in frühe Jahre der Kindheit zurückführten.
Was wir dabei erschlossen haben, ist dann Punkt für Punkt durch unmittelbare Beobachtungen an
Kindern bestätigt worden. Und da hat sich dann ergeben, daß alle Perversionsneigungen in der
Kindheit wurzeln, daß die Kinder zu ihnen alle Anlage haben und sie in dem ihrer Unreife
entsprechenden Ausmaß betätigen, kurz, daß die perverse Sexualität nichts anderes ist als die
vergrößerte, in ihre Einzelregungen zerlegte infantile Sexualität.
Jetzt werden Sie die Perversionen allerdings in einem anderen Lichte sehen und deren
Zusammenhang mit dem menschlichen Sexualleben nicht mehr verkennen, aber auf Kosten
welcher Überraschungen und für Ihr Gefühl peinlichen Inkongruenzen! Sie werden gewiß geneigt
sein, zuerst alles zu bestreiten, die Tatsache, daß die Kinder etwas haben, was man als
Sexualleben bezeichnen darf, die Richtigkeit unserer Beobachtungen und die Berechtigung, an
dem Benehmen der Kinder eine Verwandtschaft mit dem, was späterhin als Perversion verurteilt
wird, zu finden. Gestatten Sie also, daß ich Ihnen zuerst die Motive Ihres Sträubens aufkläre und
dann die Summe unserer Beobachtungen vorlege. Daß die Kinder kein Sexualleben – sexuelle
Erregungen, Bedürfnisse und eine Art der Befriedigung – haben, sondern es plötzlich zwischen
12 und 14 Jahren bekommen sollten, wäre – von allen Beobachtungen abgesehen – biologisch
ebenso unwahrscheinlich, ja unsinnig, wie daß sie keine Genitalien mit auf die Welt brächten und
die ihnen erst um die Zeit der Pubertät wüchsen. Was um diese Zeit bei ihnen erwacht, ist die
Fortpflanzungsfunktion, die sich eines bereits vorhandenen körperlichen und seelischen Materials
für ihre Zwecke bedient. Sie begehen den Irrtum, Sexualität und Fortpflanzung miteinander zu
verwechseln, und versperren sich durch ihn den Weg zum Verständnis der Sexualität, der
Perversionen und der Neurosen. Dieser Irrtum ist aber tendenziös. Er hat seine Quelle
merkwürdigerweise darin, daß Sie selbst Kinder gewesen und als Kinder dem Einfluß der
Erziehung unterlegen sind. Die Gesellschaft muß es nämlich unter ihre wichtigsten
Erziehungsaufgaben aufnehmen, den Sexualtrieb, wenn er als Fortpflanzungsdrang hervorbricht,
zu bändigen, einzuschränken, einem individuellen Willen zu unterwerfen, der mit dem sozialen
Geheiß identisch ist. Sie hat auch Interesse daran, seine volle Entwicklung aufzuschieben, bis das
Kind eine gewisse Stufe der intellektuellen Reife erreicht hat, denn mit dem vollen Durchbruch
des Sexualtriebes findet auch die Erziehbarkeit praktisch ein Ende. Der Trieb würde sonst über
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin