Page - 182 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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alle Dämme brechen und das mühsam errichtete Werk der Kultur hinwegschwemmen. Die
Aufgabe, ihn zu bändigen, ist auch nie eine leichte, sie gelingt bald zu wenig, bald allzu gut. Das
Motiv der menschlichen Gesellschaft ist im letzten Grunde ein ökonomisches; da sie nicht genug
Lebensmittel hat, um ihre Mitglieder ohne deren Arbeit zu erhalten, muß sie die Anzahl ihrer
Mitglieder beschränken und ihre Energien von der Sexualbetätigung weg auf die Arbeit lenken.
Also die ewige, urzeitliche, bis auf die Gegenwart fortgesetzte Lebensnot.
Die Erfahrung muß wohl den Erziehern gezeigt haben, daß die Aufgabe, den Sexualwillen der
neuen Generation lenksam zu machen, nur dann lösbar ist, wenn man mit den Beeinflussungen
sehr frühzeitig beginnt, nicht erst den Sturm der Pubertät abwartet, sondern bereits in das
Sexualleben der Kinder eingreift, welches ihn vorbereitet. In dieser Absicht werden fast alle
infantilen Sexualbetätigungen dem Kinde verboten und verleidet; man setzt sich das ideale Ziel,
das Leben des Kindes asexuell zu gestalten, und hat es im Laufe der Zeit endlich dahin gebracht,
daß man es wirklich für asexuell hält, was dann die Wissenschaft als ihre Lehre verkündet. Um
sich mit seinem Glauben und seinen Absichten nicht in Widerspruch zu setzen, übersieht man
dann die Sexualbetätigung des Kindes, was keine geringe Leistung ist, oder begnügt sich in der
Wissenschaft damit, sie anders aufzufassen. Das Kind gilt als rein, als unschuldig, und wer es
anders beschreibt, darf als ruchloser Frevler an zarten und heiligen Gefühlen der Menschheit
verklagt werden.
Die Kinder sind die einzigen, die an diesen Konventionen nicht mittun, in aller Naivität ihre
animalischen Rechte geltend machen und immer wieder beweisen, daß sie den Weg zur Reinheit
erst zurückzulegen haben. Merkwürdig genug, daß die Leugner der kindlichen Sexualität darum
in der Erziehung nicht nachlassen, sondern gerade die Äußerungen des Verleugneten unter dem
Titel der »kindlichen Unarten« aufs strengste verfolgen. Von hohem theoretischen Interesse ist es
auch, daß die Lebenszeit, welche dem Vorurteil einer asexuellen Kindheit am grellsten
widerspricht, die Kinderjahre bis fünf oder sechs, dann bei den meisten Personen von dem
Schleier einer Amnesie verhüllt wird, den erst eine analytische Erforschung gründlich zerreißt,
der aber schon vorher für einzelne Traumbildungen durchlässig gewesen ist.
Nun will ich Ihnen vorführen, was sich vom Sexualleben des Kindes am deutlichsten erkennen
läßt. Lassen Sie mich zweckmäßigkeitshalber auch den Begriff der Libido einführen. Libido soll,
durchaus dem Hunger analog, die Kraft benennen, mit welcher der Trieb, hier der Sexualtrieb
wie beim Hunger der Ernährungstrieb, sich äußert. Andere Begriffe, wie Sexualerregung und
Befriedigung, bedürfen keiner Erläuterung. Daß bei den Sexualbetätigungen des Säuglings die
Deutung am meisten zu tun hat, werden Sie selbst leicht einsehen oder wahrscheinlich als
Einwand benützen. Diese Deutungen ergeben sich auf Grund der analytischen Untersuchungen
durch Rückverfolgung vom Symptom her. Die ersten Regungen der Sexualität zeigen sich beim
Säugling in Anlehnung an andere lebenswichtige Funktionen. Sein Hauptinteresse ist, wie Sie
wissen, auf die Nahrungsaufnahme gerichtet; wenn er an der Brust gesättigt einschläft, zeigt er
den Ausdruck einer seligen Befriedigung, der sich später nach dem Erleben des sexuellen
Orgasmus wiederholen wird. Das wäre zu wenig, um einen Schluß darauf zu gründen. Aber wir
beobachten, daß der Säugling die Aktion der Nahrungsaufnahme wiederholen will, ohne neue
Nahrung zu beanspruchen; er steht also dabei nicht unter dem Antrieb des Hungers. Wir sagen, er
lutscht oder ludelt, und daß er bei diesem Tun wiederum mit seligem Ausdruck einschläft, zeigt
uns, daß die Aktion des Lutschens ihm an und für sich Befriedigung gebracht hat. Bekanntlich
richtet er sich’s bald so ein, daß er nicht einschläft, ohne gelutscht zu haben. Die sexuelle Natur
dieser Betätigung hat ein alter Kinderarzt in Budapest, Dr. Lindner, zuerst behauptet. Die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin