Page - 183 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Pflegepersonen des Kindes, die keine theoretische Stellungnahme beabsichtigen, scheinen das
Lutschen ähnlich zu beurteilen. Sie zweifeln nicht daran, daß es nur einem Lustgewinn dient,
stellen es zu den Unarten des Kindes und zwingen das Kind durch peinliche Eindrücke zum
Verzicht darauf, wenn es die Unart nicht selbst aufgeben will. Wir erfahren also, daß der
Säugling Handlungen ausführt, die keine andere Absicht als die des Lustgewinnes haben. Wir
glauben, daß er diese Lust zuerst bei der Nahrungsaufnahme erlebt, aber bald gelernt hat, sie von
dieser Bedingung abzutrennen. Wir können den Lustgewinn nur auf die Erregung der Mund- und
Lippenzone beziehen, heißen diese Körperteile erogene Zonen und bezeichnen die durch
Lutschen erzielte Lust als eine sexuelle. Über die Berechtigung dieser Benennung werden wir
gewiß noch diskutieren müssen.
Wenn der Säugling sich äußern könnte, würde er gewiß den Akt des Saugens an der Mutterbrust
als das weitaus Wichtigste im Leben anerkennen. Er hat für sich nicht so unrecht, denn er
befriedigt durch diesen Akt in einem beide großen Lebensbedürfnisse. Wir erfahren dann aus der
Psychoanalyse nicht ohne Überraschung, wieviel von der psychischen Bedeutung des Aktes fürs
ganze Leben erhalten bleibt. Das Saugen an der Mutterbrust wird der Ausgangspunkt des ganzen
Sexuallebens, das unerreichte Vorbild jeder späteren Sexualbefriedigung, zu dem die Phantasie in
Zeiten der Not oft genug zurückkehrt. Es schließt die Mutterbrust als erstes Objekt des
Sexualtriebes ein; ich kann Ihnen keine Vorstellung davon vermitteln, wie bedeutsam dies erste
Objekt für jede spätere Objektfindung ist, welch tiefgreifende Wirkungen es in seinen
Wandlungen und Ersetzungen noch auf die entlegensten Gebiete unseres Seelenlebens äußert.
Aber zunächst wird es vom Säugling in der Tätigkeit des Lutschens aufgegeben und durch einen
Teil des eigenen Körpers ersetzt. Das Kind lutscht am Daumen, an der eigenen Zunge. Es macht
sich dadurch für den Lustgewinn von der Zustimmung der Außenwelt unabhängig und zieht
überdies die Erregung einer zweiten Körperzone zur Verstärkung heran. Die erogenen Zonen sind
nicht gleich ausgiebig; es wird darum ein wichtiges Erlebnis, wenn der Säugling, wie Lindner
berichtet, bei dem Herumsuchen am eigenen Körper die besonders erregbaren Stellen seiner
Genitalien entdeckt und so den Weg vom Lutschen zur Onanie gefunden hat.
Durch die Würdigung des Lutschens sind wir bereits mit zwei entscheidenden Charakteren der
infantilen Sexualität bekannt geworden. Sie erscheint in Anlehnung an die Befriedigung der
großen organischen Bedürfnisse und sie benimmt sich autoerotisch, das heißt, sie sucht und
findet ihre Objekte am eigenen Körper. Was sich am deutlichsten bei der Nahrungsaufnahme
gezeigt hat, wiederholt sich zum Teil bei den Ausscheidungen. Wir schließen, daß der Säugling
Lustempfinden bei der Entleerung von Harn und von Darminhalt hat und daß er sich bald
bemüht, diese Aktionen so einzurichten, daß sie ihm durch entsprechende Erregungen der
erogenen Schleimhautzonen einen möglichst großen Lustgewinn bringen. An diesem Punkte tritt
ihm, wie die feinsinnige Lou Andreas ausgeführt hat, zuerst die Außenwelt als hemmende,
seinem Luststreben feindliche Macht entgegen und läßt ihn spätere äußere wie innere Kämpfe
ahnen. Er soll seine Exkrete nicht in dem ihm beliebigen Moment von sich geben, sondern wann
andere Personen es bestimmen. Um ihn zum Verzicht auf diese Lustquellen zu bewegen, wird
ihm alles, was diese Funktionen betrifft, als unanständig, zur Geheimhaltung bestimmt, erklärt.
Er soll hier zuerst soziale Würde für Lust eintauschen. Sein Verhältnis zu den Exkreten selbst ist
von Anfang an ein ganz anderes. Er empfindet keinen Ekel vor seinem Kot, schätzt ihn als einen
Teil seines Körpers, von dem er sich nicht leicht trennt, und verwendet ihn als erstes
»Geschenk«, um Personen auszuzeichnen, die er besonders schätzt. Noch nachdem der Erziehung
die Absicht gelungen ist, ihn diesen Neigungen zu entfremden, setzt er die Wertschätzung des
Kotes auf das »Geschenk« und auf das »Geld« fort. Seine Leistungen im Urinieren scheint er
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin