Page - 188 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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»Im Venusberg vergaß er Ehr’ und Pflicht!
– Merkwürdig, unser einem passiert so etwas nicht.«
In Wahrheit sind die Perversen eher arme Teufel, die außerordentlich hart für ihre schwer zu
erringende Befriedigung büßen.
Was die perverse Betätigung trotz aller Fremdheit des Objektes und der Ziele zu einer so
unverkennbar sexuellen macht, ist der Umstand, daß der Akt der perversen Befriedigung doch
zumeist in vollen Orgasmus und in Entleerung der Genitalprodukte ausgeht. Das ist natürlich nur
die Folge der Erwachsenheit der Personen; beim Kinde sind Orgasmus und Genitalexkretion
nicht gut möglich, sie werden durch Andeutungen ersetzt, die wiederum nicht als sicher sexuell
anerkannt werden.
Ich muß noch etwas hinzufügen, um die Würdigung der sexuellen Perversionen zu
vervollständigen. So verrufen sie auch sein mögen, so scharf man sie auch der normalen
Sexualbetätigung gegenüberstellt, so zeigt doch die bequeme Beobachtung, daß dem Sexualleben
der Normalen nur selten der eine oder andere perverse Zug abgeht. Schon der Kuß hat Anspruch
auf den Namen eines perversen Aktes, denn er besteht in der Vereinigung zweier erogener
Mundzonen an Stelle der beiderlei Genitalien. Aber niemand verwirft ihn als pervers, er wird im
Gegenteil in der Bühnendarstellung als gemilderte Andeutung des Sexualaktes zugelassen.
Gerade das Küssen kann aber leicht zur vollen Perversion werden, wenn es nämlich so intensiv
ausfällt, daß sich Genitalentladung und Orgasmus direkt daranschließen, was gar nicht so selten
vorkommt. Im übrigen kann man erfahren, daß Betasten und Beschauen des Objektes für den
einen unentbehrliche Bedingungen des Sexualgenusses sind, daß ein anderer auf der Höhe der
sexuellen Erregung kneift oder beißt, daß die größte Erregtheit beim Liebenden nicht immer
durch das Genitale, sondern durch eine andere Körperregion des Objektes hervorgerufen wird,
und ähnliches in beliebiger Auswahl mehr. Es hat gar keinen Sinn, Personen mit einzelnen
solchen Zügen aus der Reihe der Normalen auszuscheiden und zu den Perversen zu stellen,
vielmehr erkennt man immer deutlicher, daß das Wesentliche der Perversionen nicht in der
Überschreitung des Sexualzieles, nicht in der Ersetzung der Genitalien, ja nicht einmal immer in
der Variation des Objektes besteht, sondern allein in der Ausschließlichkeit, mit welcher sich
diese Abweichungen vollziehen und durch welche der der Fortpflanzung dienende Sexualakt
beiseite geschoben wird. Sowie sich die perversen Handlungen als vorbereitende oder als
verstärkende Beiträge in die Herbeiführung des normalen Sexualaktes einfügen, sind sie
eigentlich keine Perversionen mehr. Natürlich wird die Kluft zwischen der normalen und der
perversen Sexualität durch Tatsachen dieser Art sehr verringert. Es ergibt sich ungezwungen, daß
die normale Sexualität aus etwas hervorgeht, was vor ihr bestanden hat, indem sie einzelne Züge
dieses Materials als unbrauchbar ausscheidet und die anderen zusammenfaßt, um sie einem
neuen, dem Fortpflanzungsziel, unterzuordnen.
Ehe wir unsere Vertrautheit mit den Perversionen dazu verwenden, um uns mit geklärten
Voraussetzungen neuerlich in das Studium der infantilen Sexualität zu vertiefen, muß ich Sie auf
einen wichtigen Unterschied zwischen beiden aufmerksam machen. Die perverse Sexualität ist in
der Regel ausgezeichnet zentriert, alles Tun drängt zu einem – meist zu einem einzigen – Ziel,
ein Partialtrieb hat bei ihr die Oberhand, er ist entweder der einzig nachweisbare oder hat die
anderen seinen Absichten unterworfen. In dieser Hinsicht ist zwischen der perversen und der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin