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Räumlichkeiten zu tun, oder, wenn wir diese grobe Hilfsvorstellung wieder fallenlassen, mit dem
Aufbau des seelischen Apparates aus gesonderten psychischen Systemen.
Durch die angestellte Vergleichung werden wir erst aufmerksam gemacht, daß wir das Wort
»Regression« bisher nicht in seiner allgemeinen, sondern in einer ganz speziellen Bedeutung
gebraucht haben. Geben Sie ihm seinen allgemeinen Sinn, den einer Rückkehr von einer höheren
zu einer niedrigeren Stufe der Entwicklung, so ordnet sich auch die Verdrängung der Regression
unter, denn sie kann auch als Rückkehr zu einer früheren und tieferen Stufe in der Entwicklung
eines psychischen Aktes beschrieben werden. Nur, daß es uns bei der Verdrängung auf diese
rückläufige Richtung nicht ankommt, denn wir heißen es auch Verdrängung im dynamischen
Sinne, wenn ein psychischer Akt auf der niedrigeren Stufe des Unbewußten festgehalten wird.
Verdrängung ist eben ein topisch-dynamischer Begriff, Regression ein rein deskriptiver. Was wir
aber bisher Regression genannt und zur Fixierung in Beziehung gebracht haben, damit meinten
wir ausschließlich die Rückkehr der Libido zu früheren Stationen ihrer Entwicklung, also etwas,
was von der Verdrängung im Wesen ganz verschieden und von ihr ganz unabhängig ist. Wir
können die Libidoregression auch nicht einen rein psychischen Vorgang heißen und wissen nicht,
welche Lokalisation im seelischen Apparat wir ihr anweisen sollen. Wenn sie auch den stärksten
Einfluß auf das seelische Leben ausübt, so ist doch der organische Faktor an ihr der
hervorragendste.
Erörterungen wie diese, meine Herren, müssen etwas dürr geraten. Wenden wir uns an die Klinik,
um etwas eindrucksvollere Anwendungen von ihnen zu machen. Sie wissen, daß Hysterie und
Zwangsneurose die beiden Hauptvertreter der Gruppe der Übertragungsneurosen sind. Bei der
Hysterie gibt es nun zwar eine Regression der Libido zu den primären inzestuösen
Sexualobjekten, und diese ganz regelmäßig, aber so gut wie keine Regression auf eine frühere
Stufe der Sexualorganisation. Dafür fällt der Verdrängung im hysterischen Mechanismus die
Hauptrolle zu. Wenn ich mir gestatten darf, unsere bisherige gesicherte Kenntnis dieser Neurose
durch eine Konstruktion zu vervollständigen, so könnte ich den Sachverhalt in folgender Weise
beschreiben: Die Einigung der Partialtriebe unter dem Primat der Genitalien ist vollzogen, ihre
Ergebnisse stoßen aber auf den Widerstand des mit dem Bewußtsein verknüpften vorbewußten
Systems. Die Genitalorganisation gilt also fürs Unbewußte, nicht ebenso fürs Vorbewußte, und
diese Ablehnung von Seiten des Vorbewußten bringt ein Bild zustande, welches mit dem Zustand
vor dem Genitalprimat gewisse Ähnlichkeiten hat. Es ist aber doch etwas ganz anderes. – Von
den beiden Libidoregressionen ist die auf eine frühere Phase der Sexualorganisation die bei
weitem auffälligere. Da sie bei der Hysterie fehlt und unsere ganze Auffassung der Neurosen
noch viel zu sehr unter dem Einflusse des Studiums der Hysterie steht, welches zeitlich
voranging, so ist die Bedeutung der Libidoregression uns auch viel später klar geworden als die
der Verdrängung. Seien wir gefaßt darauf, daß unsere Gesichtspunkte noch andere Erweiterungen
und Umwertungen erfahren werden, wenn wir außer Hysterie und Zwangsneurose noch die
anderen, narzißtischen Neurosen in unsere Betrachtungen einbeziehen können.
Bei der Zwangsneurose ist im Gegenteil die Regression der Libido auf die Vorstufe der
sadistisch-analen Organisation das auffälligste und das für die Äußerung in Symptomen
maßgebende Faktum. Der Liebesimpuls muß sich dann als sadistischer Impuls maskieren. Die
Zwangsvorstellung: ich möchte dich ermorden, heißt im Grunde, wenn man sie von gewissen,
aber nicht zufälligen, sondern unerläßlichen Zutaten befreit hat, nichts anderes als: ich möchte
dich in Liebe genießen. Nehmen Sie dazu, daß gleichzeitig eine Objektregression stattgehabt hat,
so daß diese Impulse nur den nächsten und den geliebtesten Personen gelten, so können Sie sich
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin