Page - 203 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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vielleicht ein gewisses Übergewicht an Bedeutung für die disponierenden Momente zugestehen,
aber auch dies Zugeständnis hängt davon ab, wie weit Sie die Grenzen der Nervosität abstecken
wollen.
Meine Herren! Ich mache Ihnen den Vorschlag, Reihen wie diese als Ergänzungsreihen zu
bezeichnen, und bereite Sie darauf vor, daß wir Anlaß finden werden, noch andere solche Reihen
aufzustellen.
Die Zähigkeit, mit welcher die Libido an bestimmten Richtungen und Objekten haftet, sozusagen
die Klebrigkeit der Libido, erscheint uns als ein selbständiger, individuell variabler Faktor, dessen
Abhängigkeiten uns völlig unbekannt sind, dessen Bedeutung für die Ätiologie der Neurosen wir
gewiß nicht mehr unterschätzen werden. Wir sollen aber auch die Innigkeit dieser Beziehung
nicht überschätzen. Eine ebensolche »Klebrigkeit« der Libido – aus unbekannten Gründen –
kommt nämlich unter zahlreichen Bedingungen beim Normalen vor und wird als bestimmendes
Moment bei den Personen gefunden, welche in gewissem Sinne der Gegensatz der Nervösen
sind, bei den Perversen. Es war schon vor der Zeit der Psychoanalyse (Binet), daß in der
Anamnese der Perversen recht häufig ein sehr frühzeitiger Eindruck von abnormer Triebrichtung
oder Objektwahl aufgedeckt wird, an dem nun die Libido dieser Person fürs Leben haften
geblieben ist. Man weiß oft nicht zu sagen, was diesen Eindruck dazu befähigt hat, eine so
intensive Anziehung auf die Libido auszuüben. Ich will Ihnen einen selbstbeobachteten Fall
dieser Art erzählen. Ein Mann, dem heute das Genitale und alle anderen Reize des Weibes nichts
bedeuten, der nur durch einen beschuhten Fuß von gewisser Form in unwiderstehliche sexuelle
Erregung versetzt werden kann, weiß sich an ein Erlebnis aus seinem sechsten Jahre zu erinnern,
welches maßgebend für die Fixierung seiner Libido geworden ist. Er saß auf einem Schemel
neben der Gouvernante, bei der er englische Stunde nehmen sollte. Die Gouvernante, ein altes,
dürres, unschönes Mädchen mit wasserblauen Augen und aufgestülpter Nase, hatte an diesem
Tage einen kranken Fuß und ließ ihn darum mit einem Samtpantoffel bekleidet, ausgestreckt auf
einem Polster ruhen; ihr Bein selbst war dabei in dezentester Weise verhüllt. Ein so magerer
sehniger Fuß, wie er ihn damals an der Gouvernante gesehen, wurde nun, nach einem
schüchternen Versuch normaler Sexualbetätigung in der Pubertät, sein einziges Sexualobjekt, und
der Mann war widerstandslos hingerissen, wenn sich zu diesem Fuß noch andere Züge gesellten,
welche an den Typus der englischen Gouvernante erinnerten. Durch diese Fixierung seiner
Libido wurde der Mann aber nicht zum Neurotiker, sondern zum Perversen, zum Fußfetischisten,
wie wir sagen. Sie sehen also, obwohl die übermäßige, zudem noch vorzeitige Fixierung der
Libido für die Verursachung der Neurosen unentbehrlich ist, geht ihr Wirkungskreis doch weit
über das Gebiet der Neurosen hinaus. Auch diese Bedingung ist für sich allein sowenig
entscheidend wie die früher erwähnte der Versagung.
Das Problem der Verursachung der Neurosen scheint sich also zu komplizieren. In der Tat macht
uns die psychoanalytische Untersuchung mit einem neuen Moment bekannt, welches in unserer
ätiologischen Reihe nicht berücksichtigt ist und das man am besten bei Fällen erkennt, deren
bisheriges Wohlbefinden plötzlich durch die neurotische Erkrankung gestört wird. Man findet bei
diesen Personen regelmäßig die Anzeichen eines Widerstreites von Wunschregungen oder, wie
wir zu sagen gewohnt sind, eines psychischen Konfliktes. Ein Stück der Persönlichkeit vertritt
gewisse Wünsche, ein anderes sträubt sich dagegen und wehrt sie ab. Ohne solchen Konflikt gibt
es keine Neurose. Das schiene uns nichts Besonderes. Sie wissen, daß unser seelisches Leben
unaufhörlich von Konflikten bewegt wird, deren Entscheidung wir zu treffen haben. Es müssen
also wohl besondere Bedingungen erfüllt sein, wenn ein solcher Konflikt pathogen werden soll.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin