Page - 204 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wir dürfen fragen, welches diese Bedingungen sind, zwischen welchen seelischen Mächten sich
diese pathogenen Konflikte abspielen, welche Beziehung der Konflikt zu den anderen
verursachenden Momenten hat.
Ich hoffe, Ihnen auf diese Fragen ausreichende Antworten geben zu können, wenn sie auch
schematisch verkürzt sein mögen. Der Konflikt wird durch die Versagung heraufbeschworen,
indem die ihrer Befriedigung verlustige Libido nun darauf angewiesen ist, sich andere Objekte
und Wege zu suchen. Er hat zur Bedingung, daß diese anderen Wege und Objekte bei einem
Anteil der Persönlichkeit ein Mißfallen erwecken, so daß ein Veto erfolgt, welches die neue
Weise der Befriedigung zunächst unmöglich macht. Von hier aus geht der Weg zur
Symptombildung weiter, den wir später verfolgen werden. Die abgewiesenen libidinösen
Strebungen bringen es zustande, sich auf gewissen Umwegen doch durchzusetzen, allerdings
nicht ohne dem Einspruch durch gewisse Entstellungen und Milderungen Rechnung zu tragen.
Die Umwege sind die Wege der Symptombildung, die Symptome sind die neue oder
Ersatzbefriedigung, die durch die Tatsache der Versagung notwendig geworden ist.
Man kann der Bedeutung des psychischen Konflikts auch durch eine andere Ausdrucksweise
gerecht werden, indem man sagt: zur äußeren Versagung muß, damit sie pathogen wirke, noch
die innere Versagung hinzutreten. Äußere und innere Versagung beziehen sich dann natürlich auf
verschiedene Wege und Objekte. Die äußere Versagung nimmt die eine Möglichkeit der
Befriedigung weg, die innere Versagung möchte eine andere Möglichkeit ausschließen, um
welche dann der Konflikt losbricht. Ich gebe dieser Art der Darstellung den Vorzug, weil sie
einen geheimen Gehalt besitzt. Sie deutet nämlich auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß die
inneren Abhaltungen in den Vorzeiten menschlicher Entwicklung aus realen äußeren
Hindernissen hervorgegangen sind.
Welches sind aber die Mächte, von denen der Einspruch gegen die libidinöse Strebung ausgeht,
die andere Partei im pathogenen Konflikt? Es sind, ganz allgemein gesagt, die nicht sexuellen
Triebkräfte. Wir fassen sie als »Ichtriebe« zusammen; die Psychoanalyse der
Übertragungsneurosen gibt uns keinen guten Zugang zu ihrer weiteren Zerlegung, wir lernen sie
höchstens einigermaßen durch die Widerstände kennen, die sich der Analyse entgegensetzen. Der
pathogene Konflikt ist also ein solcher zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben. Es hat in
einer ganzen Reihe von Fällen den Anschein, als ob es auch ein Konflikt zwischen
verschiedenen, rein sexuellen Strebungen sein könnte; aber das ist im Grunde dasselbe, denn von
den beiden im Konflikt befindlichen Sexualstrebungen ist immer die eine sozusagen ichgerecht,
während die andere die Abwehr des Ichs herausfordert. Es bleibt also beim Konflikt zwischen Ich
und Sexualität.
Meine Herren! Oft und oft, wenn die Psychoanalyse ein seelisches Geschehen als Leistung der
Sexualtriebe in Anspruch genommen hat, wurde ihr in ärgerlicher Abwehr vorgehalten, der
Mensch bestehe nicht nur aus Sexualität, es gebe im Seelenleben noch andere Triebe und
Interessen als die sexuellen, man dürfe nicht »alles« von der Sexualität ableiten u.
dgl. Nun, es ist
hocherfreulich, sich auch einmal eines Sinnes mit seinen Gegnern zu finden. Die Psychoanalyse
hat nie vergessen, daß es auch nicht sexuelle Triebkräfte gibt, sie hat sich auf der scharfen
Sonderung der sexuellen Triebe von den Ichtrieben aufgebaut und vor jedem Einspruch
behauptet, nicht daß die Neurosen aus der Sexualität hervorgehen, sondern daß sie dem Konflikt
zwischen Ich und Sexualität ihren Ursprung danken. Sie hat auch gar kein denkbares Motiv,
Existenz oder Bedeutung der Ichtriebe zu bestreiten, während sie die Rolle der sexuellen Triebe
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin