Page - 207 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der individuellen Entwicklung neu erworben wird, wahrscheinlich darum, weil dieselben
Verhältnisse noch fortbestehen und auf jeden einzelnen wirken, die seinerzeit zur Erwerbung
genötigt haben. Ich möchte sagen, sie haben seinerzeit schaffend gewirkt, sie wirken jetzt
hervorrufend. Außerdem ist es unzweifelhaft, daß der Lauf der vorgezeichneten Entwicklung bei
jedem einzelnen durch rezente Einflüsse von außen gestört und abgeändert werden kann. Die
Macht aber, welche der Menschheit eine solche Entwicklung aufgenötigt hat und ihren Druck
nach der gleichen Richtung heute ebenso aufrechthält, kennen wir; es ist wiederum die
Versagung der Realität, oder wenn wir ihr ihren richtigen großen Namen geben, die Not des
Lebens: die ’Ανάγκη. Sie ist eine strenge Erzieherin gewesen und hat viel aus uns gemacht. Die
Neurotiker gehören zu den Kindern, bei welchen diese Strenge üble Erfolge gebracht hat, aber
das ist bei jeder Erziehung zu riskieren. – Diese Würdigung der Lebensnot als des Motors der
Entwicklung braucht uns übrigens nicht gegen die Bedeutung von »inneren
Entwicklungstendenzen« einzunehmen, wenn sich solche beweisen lassen.
Nun ist es sehr beachtenswert, daß Sexualtriebe und Selbsterhaltungstriebe sich nicht in gleicher
Weise gegen die reale Not benehmen. Die Selbsterhaltungstriebe und alles, was mit ihnen
zusammenhängt, sind leichter zu erziehen; sie lernen es frühzeitig, sich der Not zu fügen und ihre
Entwicklungen nach den Weisungen der Realität einzurichten. Das ist begreiflich, denn sie
können sich die Objekte, deren sie bedürfen, auf keine andere Art verschaffen; ohne diese
Objekte muß das Individuum zugrunde gehen. Die Sexualtriebe sind schwerer erziehbar, denn sie
kennen zu Anfang die Objektnot nicht. Da sie sich gleichsam schmarotzend an die anderen
Körperfunktionen anlehnen und am eigenen Körper autoerotisch befriedigen, sind sie dem
erziehlichen Einfluß der realen Not zunächst entzogen, und sie behaupten diesen Charakter der
Eigenwilligkeit, Unbeeinflußbarkeit, das, was wir »Unverständigkeit« nennen, bei den meisten
Menschen in irgendeiner Hinsicht durchs ganze Leben. Auch hat die Erziehbarkeit einer
jugendlichen Person in der Regel ein Ende, wenn ihre Sexualbedürfnisse in endgültiger Stärke
erwachen. Das wissen die Erzieher und handeln danach; aber vielleicht lassen sie sich durch die
Ergebnisse der Psychoanalyse noch dazu bewegen, den Hauptnachdruck der Erziehung auf die
ersten Kinderjahre, vom Säuglingsalter an, zu verlegen. Der kleine Mensch ist oft mit dem
vierten oder fünften Jahr schon fertig und bringt später nur allmählich zum Vorschein, was
bereits in ihm steckt.
Um die volle Bedeutung des angezeigten Unterschiedes zwischen beiden Triebgruppen zu
würdigen, müssen wir weit ausholen und eine jener Betrachtungen einführen, die ökonomische
genannt zu werden verdienen. Wir begeben uns damit auf eines der wichtigsten, aber leider auch
dunkelsten Gebiete der Psychoanalyse. Wir stellen uns die Frage, ob an der Arbeit unseres
seelischen Apparates eine Hauptabsicht zu erkennen sei, und beantworten sie in erster
Annäherung, daß diese Absicht auf Lustgewinnung gerichtet ist. Es scheint, daß unsere gesamte
Seelentätigkeit darauf gerichtet ist, Lust zu erwerben und Unlust zu vermeiden, daß sie
automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird. Nun wüßten wir um alles in der Welt gerne,
welches die Bedingungen der Entstehung von Lust und Unlust sind, aber daran fehlt es uns eben.
Nur so viel darf man sich getrauen zu behaupten, daß die Lust irgendwie an die Verringerung,
Herabsetzung oder das Erlöschen der im Seelenapparat waltenden Reizmenge gebunden ist, die
Unlust aber an eine Erhöhung derselben. Die Untersuchung der intensivsten Lust, welche dem
Menschen zugänglich ist, der Lust bei der Vollziehung des Sexualaktes, läßt über diesen einen
Punkt wenig Zweifel. Da es sich bei solchen Lustvorgängen um die Schicksale von Quantitäten
seelischer Erregung oder Energie handelt, bezeichnen wir Betrachtungen dieser Art als
ökonomische. Wir merken, daß wir die Aufgabe und Leistung des Seelenapparates auch anders
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin