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23. Vorlesung
Die Wege der Symptombildung
Meine Damen und Herren! Für den Laien sind es die Symptome, die das Wesen der Krankheit
bilden, und Heilung ist ihm die Aufhebung der Symptome. Der Arzt legt Wert darauf, die
Symptome von der Krankheit zu unterscheiden, und sagt, daß die Beseitigung der Symptome
noch nicht die Heilung der Krankheit ist. Aber was nach Beseitigung der Symptome Greifbares
von der Krankheit übrigbleibt, ist nur die Fähigkeit, neue Symptome zu bilden. Darum wollen wir
uns für jetzt auf den Standpunkt des Laien stellen und die Ergründung der Symptome für
gleichbedeutend mit dem Verständnis der Krankheit halten.
Die Symptome – wir handeln hier natürlich von psychischen (oder psychogenen) Symptomen
und psychischem Kranksein – sind für das Gesamtleben schädliche oder wenigstens nutzlose
Akte, häufig von der Person als widerwillig beklagt und mit Unlust oder Leiden für sie
verbunden. Ihr Hauptschaden liegt in dem seelischen Aufwand, den sie selbst kosten, und in dem
weiteren, der durch ihre Bekämpfung notwendig wird. Diese beiden Kosten können bei
ausgiebiger Symptombildung eine außerordentliche Verarmung der Person an verfügbarer
seelischer Energie und somit eine Lähmung derselben für alle wichtigen Lebensaufgaben zur
Folge haben. Da es für diesen Erfolg hauptsächlich auf die Quantität der so in Anspruch
genommenen Energie ankommt, so erkennen Sie leicht, daß »Kranksein« ein im Wesen
praktischer Begriff ist. Stellen Sie sich aber auf einen theoretischen Standpunkt und sehen von
diesen Quantitäten ab, so können Sie leicht sagen, daß wir alle krank, d. i. neurotisch sind, denn
die Bedingungen für die Symptombildung sind auch bei den Normalen nachzuweisen.
Von den neurotischen Symptomen wissen wir bereits, daß sie der Erfolg eines Konflikts sind, der
sich um eine neue Art der Libidobefriedigung erhebt. Die beiden Kräfte, die sich entzweit haben,
treffen im Symptom wieder zusammen, versöhnen sich gleichsam durch das Kompromiß der
Symptombildung. Darum ist das Symptom auch so widerstandsfähig; es wird von beiden Seiten
her gehalten. Wir wissen auch, daß der eine der beiden Partner des Konflikts die unbefriedigte,
von der Realität abgewiesene Libido ist, die nun andere Wege zu ihrer Befriedigung suchen muß.
Bleibt die Realität unerbittlich, auch wenn die Libido bereit ist, ein anderes Objekt an Stelle des
versagten anzunehmen, so wird diese endlich genötigt sein, den Weg der Regression
einzuschlagen und die Befriedigung in einer der bereits überwundenen Organisationen oder durch
eines der früher aufgegebenen Objekte anzustreben. Auf den Weg der Regression wird die Libido
durch die Fixierung gelockt, die sie an diesen Stellen ihrer Entwicklung zurückgelassen hat.
Nun scheidet sich der Weg zur Perversion scharf von dem der Neurose. Erwecken diese
Regressionen nicht den Widerspruch des Ichs, so kommt es auch nicht zur Neurose, und die
Libido gelangt zu irgendeiner realen, wenn auch nicht mehr normalen Befriedigung. Wenn aber
das Ich, das nicht nur über das Bewußtsein, sondern auch über die Zugänge zur motorischen
Innervation und somit zur Realisierung der seelischen Strebungen verfügt, mit diesen
Regressionen nicht einverstanden ist, dann ist der Konflikt gegeben. Die Libido ist wie
abgeschnitten und muß versuchen irgendwohin auszuweichen, wo sie nach der Forderung des
Lustprinzips einen Abfluß für ihre Energiebesetzung findet. Sie muß sich dem Ich entziehen. Ein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin