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solches Ausweichen gestatten ihr aber die Fixierungen auf ihrem jetzt regressiv beschrittenen
Entwicklungsweg, gegen welche sich das Ich seinerzeit durch Verdrängungen geschützt hatte.
Indem die Libido rückströmend diese verdrängten Positionen besetzt, hat sie sich dem Ich und
seinen Gesetzen entzogen, dabei aber auch auf alle unter dem Einfluß dieses Ichs erworbene
Erziehung verzichtet. Sie war lenksam, solange ihr Befriedigung winkte; unter dem doppelten
Druck der äußern und der innern Versagung wird sie unbotmäßig und besinnt sich früherer
besserer Zeiten. Das ist so ihr im Grund unveränderlicher Charakter. Die Vorstellungen, denen
jetzt die Libido ihre Energie als Besetzung überträgt, gehören dem System des Unbewußten an
und unterliegen den Vorgängen, die daselbst möglich sind, insbesondere der Verdichtung und
Verschiebung. Hiermit sind nun Verhältnisse hergestellt, die vollkommen denen bei der
Traumbildung gleichen. Wie dem im Unbewußten fertig gewordenen eigentlichen Traum, der die
Erfüllung einer unbewußten Wunschphantasie ist, ein Stück (vor)bewußter Tätigkeit
entgegenkommt, welches die Zensurtätigkeit ausübt und nach deren Abfindung die Bildung eines
manifesten Traumes als Kompromiß gestattet, so hat auch noch die Libidovertretung im
Unbewußten mit der Macht des vorbewußten Ichs zu rechnen. Der Widerspruch, der sich gegen
sie im Ich erhoben hatte, geht ihr als »Gegenbesetzung« nach und nötigt sie, jenen Ausdruck zu
wählen, der gleichzeitig sein eigener Ausdruck werden kann. So entsteht denn das Symptom als
vielfach entstellter Abkömmling der unbewußten libidinösen Wunscherfüllung, eine kunstvoll
ausgewählte Zweideutigkeit mit zwei einander voll widersprechenden Bedeutungen. Allein in
diesem letzteren Punkte ist ein Unterschied zwischen der Traum- und der Symptombildung zu
erkennen, denn die vorbewußte Absicht bei der Traumbildung geht nur dahin, den Schlaf zu
erhalten, nichts, was ihn stören würde, zum Bewußtsein dringen zu lassen; sie besteht aber nicht
darauf, der unbewußten Wunschregung ein scharfes: Nein, im Gegenteile! entgegenzurufen. Sie
darf toleranter sein, weil die Situation des Schlafenden eine minder gefährdete ist. Der Ausweg in
die Realität ist durch den Schlafzustand allein gesperrt.
Sie sehen, das Ausweichen der Libido unter den Bedingungen des Konflikts ist durch das
Vorhandensein von Fixierungen ermöglicht. Die regressive Besetzung dieser Fixierungen führt
zur Umgehung der Verdrängung und zu einer Abfuhr – oder Befriedigung – der Libido, bei
welcher die Bedingungen des Kompromisses eingehalten werden müssen. Auf dem Umwege
über das Unbewußte und die alten Fixierungen ist es der Libido endlich gelungen, zu einer
allerdings außerordentlich eingeschränkten und kaum mehr kenntlichen realen Befriedigung
durchzudringen. Lassen Sie mich zwei Bemerkungen zu diesem Endausgang hinzufügen. Wollen
Sie erstens beachten, wie enge sich hier die Libido und das Unbewußte einerseits, das Ich, das
Bewußtsein und die Realität anderseits verbunden erweisen, obwohl sie von Anfang an
keineswegs zusammengehören, und hören Sie ferner meine Mitteilung an, daß alles hier Gesagte
und im weiteren Folgende sich nur auf die Symptombildung bei der hysterischen Neurose
bezieht.
Wo findet nun die Libido die Fixierungen, deren sie zum Durchbruch der Verdrängungen bedarf?
In den Betätigungen und Erlebnissen der infantilen Sexualität, in den verlassenen
Partialbestrebungen und aufgegebenen Objekten der Kinderzeit. Zu ihnen kehrt die Libido also
wieder zurück. Die Bedeutung dieser Kinderzeit ist eine zweifache, einerseits haben sich in ihr
die Triebrichtungen zuerst gezeigt, die das Kind in seiner angeborenen Anlage mitbrachte, und
zweitens sind durch äußere Einwirkungen, akzidentelle Erlebnisse, andere seiner Triebe zuerst
geweckt, aktiviert worden. Ich glaube, es ist kein Zweifel daran, daß wir ein Recht haben, diese
Zweiteilung aufzustellen. Die Äußerung der angeborenen Anlage unterliegt ja keinem kritischen
Bedenken, aber die analytische Erfahrung nötigt uns geradezu anzunehmen, daß rein zufällige
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin