Page - 212 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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nachdem dieser oder jener Partialtrieb für sich allein oder im Verein mit anderen in besonderer
Stärke angelegt ist. Mit dem Faktor des infantilen Erlebens bildet die Sexualkonstitution
wiederum eine »Ergänzungsreihe«, ganz ähnlich der uns zuerst bekannt gewordenen zwischen
Disposition und akzidentellem Erleben des Erwachsenen. Hier wie dort finden sich dieselben
extremen Fälle und die nämlichen Beziehungen der Vertretung. Es liegt nahe, hier die Frage
aufzuwerfen, ob die auffälligste der Libidoregressionen, die auf frühere Stufen der
Sexualorganisation, nicht überwiegend durch das hereditär konstitutionelle Moment bedingt
wird; aber die Beantwortung der Frage wird am besten aufgeschoben, bis man eine größere Reihe
der neurotischen Erkrankungsformen in Betracht ziehen kann.
Verweilen wir nun bei der Tatsache, daß die analytische Untersuchung die Libido der Neurotiker
an ihre infantilen Sexualerlebnisse gebunden zeigt. Sie verleiht diesen so den Schein einer
enormen Bedeutsamkeit für das Leben und die Erkrankung des Menschen. Solche Bedeutung
verbleibt ihnen ungeschmälert, insoweit die therapeutische Arbeit in Betracht kommt. Sehen wir
aber von dieser Aufgabe ab, so erkennen wir doch leicht, daß hier die Gefahr eines
Mißverständnisses vorliegt, das uns verleiten könnte, das Leben allzu einseitig nach der
neurotischen Situation zu orientieren. Man muß doch von der Bedeutung der Infantilerlebnisse in
Abzug bringen, daß die Libido regressiv zu ihnen zurückgekehrt ist, nachdem sie aus ihren
späteren Positionen vertrieben wurde. Dann liegt aber der Schluß nach der Gegenseite sehr nahe,
daß die Libidoerlebnisse zu ihrer Zeit gar keine Bedeutung gehabt, sondern sie erst regressiv
erworben haben. Erinnern Sie sich, daß wir zu einer solchen Alternative bereits bei der
Erörterung des Ödipuskomplexes Stellung genommen haben.
Die Entscheidung wird uns auch diesmal nicht schwer werden. Die Bemerkung, daß die
Libidobesetzung – und also die pathogene Bedeutung – der Infantilerlebnisse in großem Maße
durch die Libidoregression verstärkt worden ist, hat unzweifelhaft recht, aber sie würde zum
Irrtum führen, wenn man sie einzig maßgebend werden ließe. Man muß noch andere Erwägungen
gelten lassen. Fürs erste zeigt die Beobachtung in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise,
daß die infantilen Erlebnisse ihre eigene Bedeutung haben und sie auch bereits in den
Kinderjahren beweisen. Es gibt ja auch Kinderneurosen, bei denen das Moment der zeitlichen
Zurückschiebung notwendigerweise sehr herabgesetzt wird oder ganz entfällt, indem die
Erkrankung als unmittelbare Folge an die traumatischen Erlebnisse anschließt. Das Studium
dieser infantilen Neurosen schützt gegen manch ein gefährliches Mißverständnis der Neurosen
Erwachsener, ähnlich wie uns die Träume der Kinder den Schlüssel zum Verständnis der Träume
von Erwachsenen gegeben haben. Die Neurosen der Kinder sind nun sehr häufig, viel häufiger,
als man glaubt. Sie werden oft übersehen, als Zeichen von Schlimmheit oder Unartigkeit
beurteilt, oft auch durch die Autoritäten der Kinderstube niedergehalten, aber sie lassen sich in
der Rückschau von später her immer leicht erkennen. Sie treten zumeist in der Form einer
Angsthysterie auf. Was das heißt, werden wir noch bei einer anderen Gelegenheit erfahren. Wenn
in späteren Lebenszeiten eine Neurose ausbricht, so enthüllt sie sich durch die Analyse
regelmäßig als die direkte Fortsetzung jener vielleicht nur schleierhaften, nur andeutungsweise
ausgebildeten infantilen Erkrankung. Es gibt aber, wie gesagt, Fälle, in denen sich diese kindliche
Nervosität ohne jede Unterbrechung in lebenslanges Kranksein fortsetzt. Einige wenige Beispiele
von Kinderneurosen haben wir noch am Kind selbst – im Zustande der Aktualität – analysieren
können; weit häufiger mußte es uns genügen, daß uns der im reifen Leben Erkrankte eine
nachträgliche Einsicht in seine Kinderneurose gestattete, wobei wir dann gewisse Korrekturen
und Vorsichten nicht vernachlässigen durften.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin