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An zweiter Stelle muß man doch sagen, daß es unbegreiflich wäre, daß die Libido so regelmäßig
auf Zeiten der Kindheit regrediert, wenn dort nichts wäre, was eine Anziehung auf sie ausüben
könnte. Die Fixierung, die wir an den einzelnen Stellen des Entwicklungsweges annehmen, hat
nur dann einen Gehalt, wenn wir sie in der Festlegung eines bestimmten Betrages von libidinöser
Energie bestehen lassen. Endlich kann ich Sie daran mahnen, daß hier zwischen der Intensität
und pathogenen Bedeutung der infantilen und der späteren Erlebnisse ein ähnliches
Ergänzungsverhältnis besteht wie in den früher von uns studierten Reihen. Es gibt Fälle, in denen
das ganze Schwergewicht der Verursachung auf die Sexualerlebnisse der Kindheit fällt, in denen
diese Eindrücke eine sicher traumatische Wirkung äußern und keiner anderen Unterstützung
dabei bedürfen, als ihnen die durchschnittliche Sexualkonstitution und deren Unfertigkeit bieten
kann. Daneben andere, bei welchen aller Akzent auf den späteren Konflikten liegt und die
analytische Betonung der Kindereindrücke durchaus als das Werk der Regression erscheint; also
Extreme der »Entwicklungshemmung« und der »Regression« und zwischen ihnen jedes Ausmaß
von Zusammenwirken der beiden Momente.
Diese Verhältnisse haben ein gewisses Interesse für die Pädagogik, die sich eine Verhütung der
Neurosen durch frühzeitiges Eingreifen in die Sexualentwicklung des Kindes zum Vorsatz
nimmt. Solange man seine Aufmerksamkeit vorwiegend auf die infantilen Sexualerlebnisse
gerichtet hält, muß man meinen, man habe alles für die Prophylaxe nervöser Erkrankungen getan,
wenn man dafür sorgt, daß diese Entwicklung verzögert werde und daß dem Kinde derartige
Erlebnisse erspart bleiben. Allein wir wissen schon, daß die Bedingungen der Verursachung für
die Neurosen komplizierte sind und durch die Berücksichtigung eines einzigen Faktors nicht
allgemein beeinflußt werden können. Die strenge Behütung der Kindheit verliert an Wert, weil
sie gegen den konstitutionellen Faktor ohnmächtig ist; sie ist überdies schwerer durchzuführen,
als die Erzieher sich vorstellen, und sie bringt zwei neue Gefahren mit sich, die nicht gering zu
schätzen sind: daß sie zu viel erreicht, nämlich ein für die Folge schädliches Übermaß von
Sexualverdrängung begünstigt, und daß sie das Kind widerstandslos gegen den in der Pubertät zu
erwartenden Ansturm der Sexualforderungen ins Leben schickt. So bleibt es durchaus
zweifelhaft, wie weit die Kindheitsprophylaxe mit Vorteil gehen kann, und ob nicht eine
veränderte Einstellung zur Aktualität einen besseren Angriffspunkt zur Verhütung der Neurosen
verspricht.
Kehren wir nun zu den Symptomen zurück. Sie schaffen also Ersatz für die versagte
Befriedigung durch eine Regression der Libido auf frühere Zeiten, womit die Rückkehr zu
früheren Entwicklungsstufen der Objektwahl oder der Organisation untrennbar verbunden ist.
Wir haben frühzeitig gehört, daß der Neurotiker irgendwo in seiner Vergangenheit festhaftet; wir
wissen jetzt, daß es eine Periode seiner Vergangenheit ist, in welcher seine Libido die
Befriedigung nicht vermißte, in der er glücklich war. Er sucht so lange in seiner
Lebensgeschichte, bis er eine solche Zeit gefunden hat, und müßte er auch bis in seine
Säuglingszeit zurückgehen, wie er sie erinnert oder sich nach späteren Anregungen vorstellt. Das
Symptom wiederholt irgendwie jene frühinfantile Art der Befriedigung, entstellt durch die aus
dem Konflikt hervorgehende Zensur, in der Regel zur Empfindung des Leidens gewendet und mit
Elementen aus dem Anlaß der Erkrankung vermengt. Die Art der Befriedigung, welche das
Symptom bringt, hat viel Befremdendes an sich. Wir sehen davon ab, daß sie für die Person
unkenntlich ist, welche die angebliche Befriedigung vielmehr als Leiden empfindet und beklagt.
Diese Verwandlung gehört dem psychischen Konflikt an, unter dessen Druck sich das Symptom
bilden mußte. Was dereinst dem Individuum eine Befriedigung war, muß eben heute seinen
Widerstand oder seinen Abscheu erwecken. Wir kennen für solche Sinnesänderung ein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin