Page - 216 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Verständnis für die sexuellen und andere Komplexe des Kindesalters verdankt, finden Sie die
Kastration gemildert, durch das Abschneiden der Daumen als Strafe für hartnäckiges Lutschen
ersetzt. Es ist aber in hohem Grade unwahrscheinlich, daß die Kastrationsdrohung so oft an die
Kinder ergeht, als sie in den Analysen der Neurotiker vorkommt. Wir sind damit zufrieden zu
verstehen, daß sich das Kind eine solche Drohung auf Grund von Andeutungen, mit Hilfe des
Wissens, daß die autoerotische Befriedigung verboten ist, und unter dem Eindruck seiner
Entdeckung des weiblichen Genitales in der Phantasie zusammensetzt. Ebenso ist es keineswegs
ausgeschlossen, daß das kleine Kind, solange man ihm kein Verständnis und kein Gedächtnis
zutraut, auch in anderen als Proletarierfamilien zum Zeugen eines Geschlechtsaktes zwischen den
Eltern oder anderen Erwachsenen wird, und es ist nicht abzuweisen, daß das Kind nachträglich
diesen Eindruck verstehen und auf ihn reagieren kann. Wenn aber dieser Verkehr mit den
ausführlichsten Details beschrieben wird, die der Beobachtung Schwierigkeiten bereiten, oder
wenn er sich, wie überwiegend häufig, als ein Verkehr von rückwärts, more ferarum, herausstellt,
so bleibt wohl kein Zweifel über die Anlehnung dieser Phantasie an die Beobachtung des
Verkehres von Tieren (Hunden) und die Motivierung derselben durch die unbefriedigte Schaulust
des Kindes in den Pubertätsjahren. Die äußerste Leistung dieser Art ist dann die Phantasie von
der Beobachtung des elterlichen Koitus, während man sich noch ungeboren im Mutterleib
befunden hat. Besonderes Interesse hat die Phantasie der Verführung, weil sie nur zu oft keine
Phantasie, sondern reale Erinnerung ist. Aber zum Glück ist sie doch nicht so häufig real, wie es
nach den Ergebnissen der Analyse zuerst den Anschein hatte. Die Verführung durch ältere oder
gleichaltrige Kinder ist immer noch häufiger als die durch Erwachsene, und wenn bei den
Mädchen, welche diese Begebenheit in ihrer Kindergeschichte vorbringen, ziemlich regelmäßig
der Vater als Verführer auftritt, so leidet weder die phantastische Natur dieser Beschuldigung
noch das zu ihr drängende Motiv einen Zweifel. Mit der Verführungsphantasie, wo keine
Verführung stattgehabt hat, deckt das Kind in der Regel die autoerotische Periode seiner
Sexualbetätigung. Es erspart sich die Beschämung über die Masturbation, indem es ein begehrtes
Objekt in diese frühesten Zeiten zurückphantasiert. Glauben Sie übrigens nicht, daß sexueller
Mißbrauch des Kindes durch die nächsten männlichen Verwandten durchaus dem Reiche der
Phantasie angehört. Die meisten Analytiker werden Fälle behandelt haben, in denen solche
Beziehungen real waren und einwandfrei festgestellt werden konnten; nur gehörten sie auch dann
späteren Kindheitsjahren an und waren in frühere eingetragen worden.
Man empfängt keinen anderen Eindruck, als daß solche Kinderbegebenheiten irgendwie
notwendig verlangt werden, zum eisernen Bestand der Neurose gehören. Sind sie in der Realität
enthalten, dann ist es gut; hat sie die Realität verweigert, so werden sie aus Andeutungen
hergestellt und durch die Phantasie ergänzt. Das Ergebnis ist das gleiche, und es ist uns bis heute
nicht gelungen, einen Unterschied in den Folgen nachzuweisen, wenn die Phantasie oder die
Realität den größeren Anteil an diesen Kinderbegebenheiten hat. Hier besteht eben wieder nur
eines der so oft erwähnten Ergänzungsverhältnisse; es ist allerdings das Befremdendste von allen,
die wir kennengelernt haben. Woher rührt das Bedürfnis nach diesen Phantasien und das Material
für sie? Über die Triebquellen kann wohl kein Zweifel sein, aber es ist zu erklären, daß jedesmal
die nämlichen Phantasien mit demselben Inhalt geschaffen werden. Ich habe hier eine Antwort
bereit, von der ich weiß, daß sie Ihnen gewagt erscheinen wird. Ich meine, diese Urphantasien –
so möchte ich sie und gewiß noch einige andere nennen – sind phylogenetischer Besitz. Das
Individuum greift in ihnen über sein eigenes Erleben hinaus in das Erleben der Vorzeit, wo sein
eigenes Erleben allzu rudimentär geworden ist. Es scheint mir sehr wohl möglich, daß alles, was
uns heute in der Analyse als Phantasie erzählt wird, die Kinderverführung, die Entzündung der
Sexualerregung an der Beobachtung des elterlichen Verkehrs, die Kastrationsdrohung – oder
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin