Page - 217 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 217 -
Text of the Page - 217 -
vielmehr die Kastration, – in den Urzeiten der menschlichen Familie einmal Realität war und daß
das phantasierende Kind einfach die Lücken der individuellen Wahrheit mit prähistorischer
Wahrheit ausgefüllt hat. Wir sind wiederholt auf den Verdacht gekommen, daß uns die
Neurosenpsychologie mehr von den Altertümern der menschlichen Entwicklung aufbewahrt hat
als alle anderen Quellen.
Meine Herren! Die letzterörterten Dinge nötigen uns, auf die Entstehung und Bedeutung jener
Geistestätigkeit näher einzugehen, die »Phantasie« genannt wird. Sie genießt, wie Ihnen bekannt
ist, allgemein eine hohe Schätzung, ohne daß man über ihre Stellung im Seelenleben klar
geworden wäre. Ich kann Ihnen folgendes darüber sagen. Wie Sie wissen, wird das Ich des
Menschen durch die Einwirkung der äußeren Not langsam zur Schätzung der Realität und zur
Befolgung des Realitätsprinzips erzogen und muß dabei auf verschiedene Objekte und Ziele
seines Luststrebens – nicht allein des sexuellen – vorübergehend oder dauernd verzichten. Aber
Lustverzicht ist dem Menschen immer schwergefallen; er bringt ihn nicht ohne eine Art von
Entschädigung zustande. Er hat sich daher eine seelische Tätigkeit vorbehalten, in welcher all
diesen aufgegebenen Lustquellen und verlassenen Wegen der Lustgewinnung eine weitere
Existenz zugestanden ist, eine Form der Existenz, in welcher sie von dem Realitätsanspruch und
dem, was wir »Realitätsprüfung« nennen, frei gelassen sind. Jedes Streben erreicht bald die Form
einer Erfüllungsvorstellung; es ist kein Zweifel, daß das Verweilen bei den Wunscherfüllungen
der Phantasie eine Befriedigung mit sich bringt, obwohl das Wissen, es handle sich nicht um
Realität, dabei nicht getrübt ist. In der Phantasietätigkeit genießt also der Mensch die Freiheit
vom äußeren Zwang weiter, auf die er in Wirklichkeit längst verzichtet hat. Er hat es zustande
gebracht, abwechselnd noch Lusttier zu sein und dann wieder ein verständiges Wesen. Er findet
mit der kargen Befriedigung, die er der Wirklichkeit abringen kann, eben nicht sein Auskommen.
»Es geht überhaupt nicht ohne Hilfskonstruktionen,« hat Th. Fontane einmal gesagt. Die
Schöpfung des seelischen Reiches der Phantasie findet ein volles Gegenstück in der Einrichtung
von »Schonungen«, »Naturschutzparks« dort, wo die Anforderungen des Ackerbaues, des
Verkehres und der Industrie das ursprüngliche Gesicht der Erde rasch bis zur Unkenntlichkeit zu
verändern drohen. Der Naturschutzpark erhält diesen alten Zustand, welchen man sonst überall
mit Bedauern der Notwendigkeit geopfert hat. Alles darf darin wuchern und wachsen, wie es will,
auch das Nutzlose, selbst das Schädliche. Eine solche dem Realitätsprinzip entzogene Schonung
ist auch das seelische Reich der Phantasie.
Die bekanntesten Produktionen der Phantasie sind die sogenannten »Tagträume«, die wir schon
kennen, vorgestellte Befriedigungen ehrgeiziger, großsüchtiger, erotischer Wünsche, die um so
üppiger gedeihen, je mehr die Wirklichkeit zur Bescheidung oder zur Geduldung mahnt. Das
Wesen des Phantasieglücks, die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Lustgewinnung von
der Zustimmung der Realität, zeigt sich in ihnen unverkennbar. Wir wissen, solche Tagträume
sind Kern und Vorbilder der nächtlichen Träume. Der Nachttraum ist im Grunde nichts anderes
als ein durch die nächtliche Freiheit der Triebregungen verwendbar gewordener, durch die
nächtliche Form der seelischen Tätigkeit entstellter Tagtraum. Wir haben uns bereits mit der Idee
vertraut gemacht, daß auch ein Tagtraum nicht notwendig bewußt ist, daß es auch unbewußte
Tagträume gibt. Solche unbewußte Tagträume sind also ebensowohl die Quelle der nächtlichen
Träume wie – der neurotischen Symptome.
Die Bedeutung der Phantasie für die Symptombildung wird Ihnen durch die folgende Mitteilung
klar werden. Wir haben gesagt, im Falle der Versagung besetze die Libido regressiv die von ihr
aufgelassenen Positionen, an denen sie doch mit gewissen Beträgen haften geblieben ist. Das
217
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin