Page - 218 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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werden wir nicht zurücknehmen oder korrigieren, aber wir haben ein Zwischenglied einzusetzen.
Wie findet die Libido ihren Weg zu diesen Fixierungsstellen? Nun, alle aufgegebenen Objekte
und Richtungen der Libido sind noch nicht in jedem Sinne aufgegeben. Sie oder ihre
Abkömmlinge werden noch mit einer gewissen Intensität in den Phantasievorstellungen
festgehalten. Die Libido braucht sich also nur auf die Phantasien zurückzuziehen, um von ihnen
aus den Weg zu allen verdrängten Fixierungen offen zu finden. Diese Phantasien erfreuten sich
einer gewissen Duldung, es kam nicht zum Konflikt zwischen ihnen und dem Ich, so scharf auch
die Gegensätze sein mochten, solange eine gewisse Bedingung eingehalten wurde. Eine
Bedingung quantitativer Natur, die nun durch das Rückfluten der Libido auf die Phantasien
gestört wird. Durch diesen Zuschuß wird die Energiebesetzung der Phantasien so erhöht, daß sie
anspruchsvoll werden, einen Drang nach der Richtung der Realisierung entwickeln. Das macht
aber den Konflikt zwischen ihnen und dem Ich unvermeidlich. Ob sie früher vorbewußt oder
bewußt waren, sie unterliegen jetzt der Verdrängung von seiten des Ichs und sind der Anziehung
von Seiten des Unbewußten preisgegeben. Von den jetzt unbewußten Phantasien wandert die
Libido bis zu deren Ursprüngen im Unbewußten, bis zu ihren eigenen Fixierungsstellen zurück.
Der Rückgang der Libido auf die Phantasie ist eine Zwischenstufe des Weges zur
Symptombildung, welche wohl eine besondere Bezeichnung verdient. C. G. Jung hat den sehr
geeigneten Namen der Introversion für sie geprägt, ihn aber in unzweckmäßiger Weise auch
anderes bedeuten lassen. Wir wollen daran festhalten, daß die Introversion die Abwendung der
Libido von den Möglichkeiten der realen Befriedigung und die Überbesetzung der bisher als
harmlos geduldeten Phantasien bezeichnet. Ein Introvertierter ist noch kein Neurotiker, aber er
befindet sich in einer labilen Situation; er muß bei der nächsten Kräfteverschiebung Symptome
entwickeln, wenn er nicht noch für seine gestaute Libido andere Auswege findet. Der irreale
Charakter der neurotischen Befriedigung und die Vernachlässigung des Unterschiedes zwischen
Phantasie und Wirklichkeit sind hingegen bereits durch das Verweilen auf der Stufe der
Introversion bestimmt.
Sie haben gewiß bemerkt, daß ich in den letzten Erörterungen einen neuen Faktor in das Gefüge
der ätiologischen Verkettung eingeführt habe, nämlich die Quantität, die Größe der in Betracht
kommenden Energien; diesen Faktor müssen wir überall noch in Rechnung bringen. Mit rein
qualitativer Analyse der ätiologischen Bedingungen reichen wir nicht aus. Oder um es anders zu
sagen, eine bloß dynamische Auffassung dieser seelischen Vorgänge ist ungenügend, es bedarf
noch des ökonomischen Gesichtspunktes. Wir müssen uns sagen, daß der Konflikt zwischen zwei
Strebungen nicht losbricht, ehe nicht gewisse Besetzungsintensitäten erreicht sind, mögen auch
die inhaltlichen Bedingungen längst vorhanden sein. Ebenso richtet sich die pathogene
Bedeutung der konstitutionellen Faktoren danach, wie viel mehr von dem einen Partialtrieb als
von einem anderen in der Anlage gegeben ist; man kann sich sogar vorstellen, die Anlagen aller
Menschen seien qualitativ gleichartig und unterscheiden sich nur durch diese quantitativen
Verhältnisse. Nicht minder entscheidend ist das quantitative Moment für die
Widerstandsfähigkeit gegen neurotische Erkrankung. Es kommt darauf an, welchen Betrag der
unverwendeten Libido eine Person in Schwebe erhalten kann, und einen wie großen Bruchteil
ihrer Libido sie vom Sexuellen weg auf die Ziele der Sublimierung zu lenken vermag. Das
Endziel der seelischen Tätigkeit, das sich qualitativ als Streben nach Lustgewinn und
Unlustvermeidung beschreiben läßt, stellt sich für die ökonomische Betrachtung als die Aufgabe
dar, die im seelischen Apparat wirkenden Erregungsgrößen (Reizmengen) zu bewältigen und
deren Unlust schaffende Stauung hintanzuhalten.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin