Page - 219 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Soviel wollte ich Ihnen also über die Symptombildung bei den Neurosen sagen. Ja aber, daß ich
nicht versäume, es nochmals ausdrücklich zu betonen: Alles hier Gesagte bezieht sich nur auf die
Symptombildung bei der Hysterie. Schon bei der Zwangsneurose ist – bei Erhaltung des
Grundsätzlichen – vieles anders zu finden. Die Gegenbesetzungen gegen die Triebanforderungen,
von denen wir auch bei der Hysterie gesprochen haben, drängen sich bei der Zwangsneurose vor
und beherrschen durch sogenannte »Reaktionsbildungen« das klinische Bild. Ebensolche und
noch weiter reichende Abweichungen entdecken wir bei den anderen Neurosen, wo die
Untersuchungen über die Mechanismen der Symptombildung noch an keinem Punkte
abgeschlossen sind.
Ehe ich Sie heute entlasse, möchte ich aber Ihre Aufmerksamkeit noch eine Weile für eine Seite
des Phantasielebens in Anspruch nehmen, die des allgemeinsten Interesses würdig ist. Es gibt
nämlich einen Rückweg von der Phantasie zur Realität, und das ist – die Kunst. Der Künstler ist
im Ansatze auch ein Introvertierter, der es nicht weit zur Neurose hat. Er wird von überstarken
Triebbedürfnissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, Reichtum, Ruhm und die Liebe der Frauen
erwerben; es fehlen ihm aber die Mittel, um diese Befriedigungen zu erreichen. Darum wendet er
sich wie ein anderer Unbefriedigter von der Wirklichkeit ab und überträgt all sein Interesse, auch
seine Libido, auf die Wunschbildungen seines Phantasielebens, von denen aus der Weg zur
Neurose führen könnte. Es muß wohl vielerlei zusammentreffen, damit dies nicht der volle
Ausgang seiner Entwicklung werde; es ist ja bekannt, wie häufig gerade Künstler an einer
partiellen Hemmung ihrer Leistungsfähigkeit durch Neurosen leiden. Wahrscheinlich enthält ihre
Konstitution eine starke Fähigkeit zur Sublimierung und eine gewisse Lockerheit der den
Konflikt entscheidenden Verdrängungen. Den Rückweg zur Realität findet der Künstler aber auf
folgende Art. Er ist ja nicht der einzige, der ein Phantasieleben führt. Das Zwischenreich der
Phantasie ist durch allgemein menschliche Übereinkunft gebilligt, und jeder Entbehrende
erwartet von daher Linderung und Trost. Aber den Nichtkünstlern ist der Bezug von Lustgewinn
aus den Quellen der Phantasie sehr eingeschränkt. Die Unerbittlichkeit ihrer Verdrängungen
nötigt sie, sich mit den spärlichen Tagträumen, die noch bewußt werden dürfen, zu begnügen.
Wenn einer ein rechter Künstler ist, dann verfügt er über mehr. Er versteht es erstens, seine
Tagträume so zu bearbeiten, daß sie das allzu Persönliche, welches Fremde abstößt, verlieren und
für die anderen mitgenießbar werden. Er weiß sie auch soweit zu mildern, daß sie ihre Herkunft
aus den verpönten Quellen nicht leicht verraten. Er besitzt ferner das rätselhafte Vermögen, ein
bestimmtes Material zu formen, bis es zum getreuen Ebenbilde seiner Phantasievorstellung
geworden ist, und dann weiß er an diese Darstellung seiner unbewußten Phantasie so viel
Lustgewinn zu knüpfen, daß durch sie die Verdrängungen wenigstens zeitweilig überwogen und
aufgehoben werden. Kann er das alles leisten, so ermöglicht er es den Anderen, aus den eigenen
unzugänglich gewordenen Lustquellen ihres Unbewußten wiederum Trost und Linderung zu
schöpfen, gewinnt ihre Dankbarkeit und Bewunderung und hat nun durch seine Phantasie
erreicht, was er vorerst nur in seiner Phantasie erreicht hatte: Ehre, Macht und Liebe der Frauen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin