Page - 221 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ihnen Sinn und Bedeutung der Symptome, äußere und innere Bedingungen und Mechanismus der
Symptombildung im Zusammenhange vorzuführen. Das habe ich zu tun versucht; es ist so
ziemlich der Kern dessen, was die Psychoanalyse heute zu lehren hat. Dabei war von der Libido
und ihrer Entwicklung vieles zu sagen, einiges auch von der des Ichs. Auf die Voraussetzungen
unserer Technik, auf die großen Gesichtspunkte des Unbewußten und der Verdrängung (des
Widerstandes) waren Sie schon durch die Einführung vorbereitet. Sie werden in einer der
nächsten Vorlesungen erfahren, an welchen Stellen die psychoanalytische Arbeit ihren
organischen Fortgang nimmt. Vorläufig habe ich Ihnen nicht verheimlicht, daß alle unsere
Ermittlungen nur aus dem Studium einer einzigen Gruppe von nervösen Affektionen, den
sogenannten Übertragungsneurosen, stammen. Den Mechanismus der Symptombildung habe ich
sogar nur für die hysterische Neurose verfolgt. Wenn Sie auch kein solides Wissen erworben und
nicht jede Einzelheit behalten haben sollten, so hoffe ich doch, daß Sie so ein Bild davon
gewonnen haben, mit welchen Mitteln die Psychoanalyse arbeitet, welche Fragen sie angreift und
welche Ergebnisse sie geliefert hat.
Ich habe Ihnen den Wunsch unterlegt, daß ich die Darstellung der Neurosen mit dem Gehaben
der Nervösen hätte beginnen sollen, mit der Schilderung der Art, wie sie unter ihrer Neurose
leiden, wie sie sich ihrer erwehren und sich mit ihr einrichten. Das ist gewiß ein interessanter und
wissenswerter Stoff, auch nicht sehr schwierig zu behandeln, aber es ist nicht unbedenklich, mit
ihm zu beginnen. Man läuft Gefahr, das Unbewußte nicht zu entdecken, dabei die große
Bedeutung der Libido zu übersehen und alle Verhältnisse so zu beurteilen, wie sie dem Ich des
Nervösen erscheinen. Daß dieses Ich keine verläßliche und unparteiische Instanz ist, liegt auf der
Hand. Das Ich ist ja die Macht, welche das Unbewußte verleugnet und es zum Verdrängten
herabgesetzt hat, wie sollte man ihm zutrauen, diesem Unbewußten gerecht zu werden? Unter
diesem Verdrängten stehen die abgewiesenen Ansprüche der Sexualität in erster Linie; es ist ganz
selbstverständlich, daß wir deren Umfang und Bedeutung nie aus den Auffassungen des Ichs
erraten können. Von dem Moment an, da uns der Gesichtspunkt der Verdrängung aufdämmert,
sind wir auch gewarnt davor, daß wir nicht die eine der beiden streitenden Parteien, überdies
noch die siegreiche, zum Richter über den Streit einsetzen. Wir sind vorbereitet darauf, daß uns
die Aussagen des Ichs irreführen werden. Wenn man dem Ich glauben will, so war es in allen
Stücken aktiv, so hat es selbst seine Symptome gewollt und gemacht. Wir wissen, daß es ein
gutes Stück Passivität über sich ergehen ließ, die es sich dann verheimlichen und beschönigen
will. Allerdings getraut es sich dieses Versuches nicht immer; bei den Symptomen der
Zwangsneurose muß es sich eingestehen, daß etwas Fremdes sich ihm entgegenstellt, dessen es
sich nur mühsam erwehrt.
Wer sich durch diese Mahnungen nicht abhalten läßt, die Verfälschungen des Ichs für bare
Münze zu nehmen, der hat freilich dann ein leichtes Spiel und ist all den Widerständen
entgangen, die sich der psychoanalytischen Betonung des Unbewußten, der Sexualität und der
Passivität des Ichs entgegensetzen. Der kann wie Alfred Adler behaupten, daß der »nervöse
Charakter« die Ursache der Neurose sei, anstatt die Folge derselben, aber er wird auch nicht
imstande sein, ein einziges Detail der Symptombildung oder einen einzelnen Traum zu erklären.
Sie werden fragen: Sollte es denn nicht möglich sein, dem Anteil des Ichs an der Nervosität und
an der Symptombildung gerecht zu werden, ohne dabei die von der Psychoanalyse aufgedeckten
Momente in gröblicher Weise zu vernachlässigen? Ich antworte: Gewiß muß es möglich sein und
es wird auch irgend einmal geschehen; es liegt aber nicht in der Arbeitsrichtung der
Psychoanalyse, gerade damit zu beginnen. Es läßt sich wohl vorhersagen, wann diese Aufgabe an
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin