Page - 224 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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neue, wiewohl verschlechterte Existenz gründet sich jetzt gerade auf dasselbe, was ihn um seine
erste Existenz gebracht hat. Wenn Sie seine Verunstaltung beheben können, so machen Sie ihn
zunächst subsistenzlos; es eröffnet sich die Frage, ob er noch fähig ist, seine frühere Arbeit
wieder aufzunehmen. Was bei der Neurose einer solchen sekundären Nutzung der Krankheit
entspricht, können wir als sekundären Krankheitsgewinn zum primären hinzuschlagen.
Im allgemeinen aber möchte ich Ihnen sagen, unterschätzen Sie die praktische Bedeutung des
Krankheitsgewinnes nicht und lassen Sie sich in theoretischer Hinsicht nicht von ihm imponieren.
Von jenen früher anerkannten Ausnahmen abgesehen, mahnt er doch immer an die Beispiele
»von der Klugheit der Tiere«, die Oberländer in den Fliegenden Blättern illustriert hat. Ein
Araber reitet auf seinem Kamel einen schmalen Pfad, der in die steile Bergwand eingeschnitten
ist. Bei einer Wendung des Weges sieht er sich plötzlich einem Löwen gegenüber, der sich
sprungbereit macht. Er sieht keinen Ausweg; auf der einen Seite die senkrechte Wand, auf der
anderen der Abgrund; Umkehr und Flucht sind unmöglich; er gibt sich verloren. Anders das Tier.
Es macht mit seinem Reiter einen Satz in den Abgrund – und der Löwe hat das Nachsehen.
Besseren Erfolg für den Kranken haben in der Regel auch die Hilfeleistungen der Neurose nicht.
Es mag daher kommen, daß die Erledigung eines Konflikts durch Symptombildung doch ein
automatischer Vorgang ist, der sich den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zeigen kann
und bei dem der Mensch auf die Verwertung seiner besten und höchsten Kräfte verzichtet hat.
Wenn es eine Wahl gäbe, sollte man es vorziehen, im ehrlichen Kampf mit dem Schicksal
unterzugehen.
Meine Herren! Ich bin Ihnen aber noch die weitere Motivierung schuldig, weshalb ich in einer
Darstellung der Neurosenlehre nicht von der gemeinen Nervosität ausgegangen bin. Vielleicht
nehmen Sie an, ich tat es darum, weil mir dann der Nachweis der sexuellen Verursachung der
Neurosen größere Schwierigkeiten bereitet hätte. Aber da würden Sie irregehen. Bei den
Übertragungsneurosen muß man sich erst durch die Symptomdeutung durcharbeiten, um zu
dieser Einsicht zu kommen. Bei den gemeinen Formen der sogenannten Aktualneurosen ist die
ätiologische Bedeutung des Sexuallebens eine grobe, der Beobachtung entgegenkommende
Tatsache. Ich bin vor mehr als zwanzig Jahren auf sie gestoßen, als ich mir eines Tages die Frage
vorlegte, warum man denn beim Examen der Nervösen so regelmäßig ihre sexuellen
Betätigungen von der Berücksichtigung ausschließt. Ich habe damals diesen Untersuchungen
meine Beliebtheit bei den Kranken zum Opfer gebracht, aber ich konnte schon nach kurzer
Bemühung den Satz aussprechen, daß es bei normaler vita sexualis keine Neurose – ich meinte:
Aktualneurose – gibt. Gewiß, der Satz setzt sich zu leicht über die individuellen
Verschiedenheiten der Menschen hinweg, er leidet auch an der Unbestimmtheit, die von dem
Urteil »normal« nicht zu trennen ist, aber er hat für die grobe Orientierung noch heute seinen
Wert behalten. Ich bin damals so weit gekommen, spezifische Beziehungen zwischen bestimmten
Formen der Nervosität und besonderen sexuellen Schädlichkeiten aufzustellen, und ich zweifle
nicht daran, daß ich heute dieselben Beobachtungen wiederholen könnte, wenn mir noch ein
ähnliches Material von Kranken zu Gebote stünde. Ich erfuhr oft genug, daß ein Mann, der sich
mit einer gewissen Art von unvollständiger sexueller Befriedigung begnügte, z.
B. mit der
manuellen Onanie, an einer bestimmten Form von Aktualneurose erkrankt war und daß diese
Neurose prompt einer anderen den Platz räumte, wenn er ein anderes, ebensowenig untadeliges
sexuelles Regime an die Stelle treten ließ. Ich war dann imstande, aus der Änderung im Zustand
des Kranken den Wechsel in seiner sexuellen Lebensweise zu erraten. Ich erlernte es damals
auch, hartnäckig bei meinen Vermutungen zu verharren, bis ich die Unaufrichtigkeit der
Patienten überwunden und sie zur Bestätigung gezwungen hatte. Es ist wahr, sie zogen es dann
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin