Page - 229 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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fürchtet und bei einer Sonnenfinsternis ängstigt, während der Weiße, der das Instrument
handhaben und das Ereignis vorhersagen kann, unter diesen Bedingungen angstfrei bleibt. Ein
andermal ist es gerade das Mehrwissen, was die Angst befördert, weil es die Gefahr frühzeitig
erkennen läßt. So wird der Wilde vor einer Fährte im Walde erschrecken, die dem Unkundigen
nichts sagt, ihm aber die Nähe eines reißenden Tieres verrät, und der erfahrene Schiffer mit
Entsetzen ein Wölkchen am Himmel betrachten, das dem Passagier unscheinbar dünkt, während
es ihm das Herannahen des Orkans verkündet.
Bei weiterer Überlegung muß man sich sagen, daß das Urteil über die Realangst, sie sei rationell
und zweckmäßig, einer gründlichen Revision bedarf. Das einzig zweckmäßige Verhalten bei
drohender Gefahr wäre nämlich die kühle Abschätzung der eigenen Kräfte im Vergleich zur
Größe der Drohung und darauf die Entscheidung, ob die Flucht oder die Verteidigung,
möglicherweise selbst der Angriff, größere Aussicht auf einen guten Ausgang verspricht. In
diesem Zusammenhang ist aber für die Angst überhaupt keine Stelle; alles, was geschieht, würde
ebensowohl und wahrscheinlich besser vollzogen werden, wenn es nicht zur Angstentwicklung
käme. Sie sehen ja auch, wenn die Angst übermäßig stark ausfällt, dann erweist sie sich als
äußerst unzweckmäßig, sie lähmt dann jede Aktion, auch die der Flucht. Für gewöhnlich besteht
die Reaktion auf die Gefahr aus einer Vermengung von Angstaffekt und Abwehraktion. Das
geschreckte Tier ängstigt sich und flieht, aber das Zweckmäßige daran ist die »Flucht«, nicht das
»sich ängstigen«.
Man fühlt sich also versucht zu behaupten, daß die Angstentwicklung niemals etwas
Zweckmäßiges ist. Vielleicht verhilft es zu besserer Einsicht, wenn man sich die Angstsituation
sorgfältiger zerlegt. Das erste an ihr ist die Bereitschaft auf die Gefahr, die sich in gesteigerter
sensorischer Aufmerksamkeit und motorischer Spannung äußert. Diese Erwartungsbereitschaft ist
unbedenklich als vorteilhaft anzuerkennen, ja ihr Wegfall mag für ernste Folgen verantwortlich
gemacht werden. Aus ihr geht nun einerseits die motorische Aktion hervor, zunächst Flucht, auf
einer höheren Stufe tätige Abwehr, anderseits das, was wir als den Angstzustand empfinden. Je
mehr sich die Angstentwicklung auf einen bloßen Ansatz, auf ein Signal einschränkt, desto
ungestörter vollzieht sich die Umsetzung der Angstbereitschaft in Aktion, desto zweckmäßiger
gestaltet sich der ganze Ablauf. Die Angstbereitschaft scheint mir also das Zweckmäßige, die
Angstentwicklung das Zweckwidrige an dem, was wir Angst heißen, zu sein.
Ich vermeide es, auf die Frage näher einzugehen, ob unser Sprachgebrauch mit Angst, Furcht,
Schreck das Nämliche oder deutlich Verschiedenes bezeichnen will. Ich meine nur, Angst bezieht
sich auf den Zustand und sieht vom Objekt ab, während Furcht die Aufmerksamkeit gerade auf
das Objekt richtet. Schreck scheint hingegen einen besonderen Sinn zu haben, nämlich die
Wirkung einer Gefahr hervorzuheben, welche nicht von einer Angstbereitschaft empfangen wird.
So daß man sagen könnte, der Mensch schütze sich durch die Angst vor dem Schreck. Die
gewisse Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit im Gebrauche des Wortes »Angst« wird Ihnen nicht
entgangen sein. Zumeist versteht man unter Angst den subjektiven Zustand, in den man durch die
Wahrnehmung der »Angstentwicklung« gerät, und heißt diesen einen Affekt. Was ist nun im
dynamischen Sinne ein Affekt? Jedenfalls etwas sehr Zusammengesetztes. Ein Affekt umschließt
erstens bestimmte motorische Innervationen oder Abfuhren, zweitens gewisse Empfindungen,
und zwar von zweierlei Art, die Wahrnehmungen der stattgehabten motorischen Aktionen und
die direkten Lust- und Unlustempfindungen, die dem Affekt, wie man sagt, den Grundton geben.
Ich glaube aber nicht, daß mit dieser Aufzählung das Wesen des Affektes getroffen ist. Bei
einigen Affekten glaubt man tiefer zu blicken und zu erkennen, daß der Kern, welcher das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin