Page - 233 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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enger Abhängigkeit von bestimmten Vorgängen im Sexualleben, sagen wir: von gewissen
Verwendungen der Libido, steht. Der einfachste und lehrreichste Fall dieser Art ergibt sich bei
Personen, die sich der sogenannten frustranen Erregung aussetzen, d.
h. bei denen heftige
sexuelle Erregungen keine genügende Abfuhr erfahren, nicht zu einem befriedigenden Abschluß
geführt werden. Also z. B. bei Männern während des Brautstandes und bei Frauen, deren Männer
ungenügend potent sind oder die den Geschlechtsakt aus Vorsicht verkürzt oder verkümmert
ausführen. Unter diesen Umständen schwindet die libidinöse Erregung und an ihrer Stelle tritt
Angst auf, sowohl in der Form der Erwartungsangst als auch in Anfällen und
Anfallsäquivalenten. Die vorsichtige Unterbrechung des Geschlechtsaktes wird, wenn sie als
sexuelles Regime geübt wird, so regelmäßig Ursache der Angstneurose bei Männern, besonders
aber bei Frauen, daß es sich in der ärztlichen Praxis empfiehlt, bei derartigen Fällen in erster
Linie nach dieser Ätiologie zu forschen. Man kann dann auch ungezählte Male die Erfahrung
machen, daß die Angstneurose erlischt, wenn der sexuelle Mißbrauch abgestellt wird.
Die Tatsache eines Zusammenhanges zwischen sexueller Zurückhaltung und Angstzuständen
wird, soviel ich weiß, auch von Ärzten, die der Psychoanalyse fernestehen, nicht mehr bestritten.
Allein ich kann mir wohl denken, daß der Versuch nicht unterlassen wird, die Beziehung
umzukehren, indem man die Auffassung vertritt, es handle sich dabei um Personen, die von
vornherein zur Ängstlichkeit neigen und darum auch in sexuellen Dingen Zurückhaltung üben.
Dagegen spricht aber mit Entschiedenheit das Verhalten der Frauen, deren Sexualbetätigung ja
wesentlich passiver Natur ist, d. h. durch die Behandlung von Seiten des Mannes bestimmt wird.
Je temperamentvoller, also je geneigter zum Sexualverkehr und befähigter zur Befriedigung eine
Frau ist, desto sicherer wird sie auf die Impotenz des Mannes oder auf den Coitus interruptus mit
Angsterscheinungen reagieren, während solche Mißhandlung bei anästhetischen oder wenig
libidinösen Frauen eine weit geringere Rolle spielt.
Dieselbe Bedeutung für die Entstehung von Angstzuständen hat die jetzt von den Ärzten so warm
empfohlene sexuelle Abstinenz natürlich nur dann, wenn die Libido, der die befriedigende
Abfuhr versagt wird, entsprechend stark und nicht zum größten Teil durch Sublimierung erledigt
ist. Die Entscheidung über den Krankheitserfolg liegt ja immer bei den quantitativen Faktoren.
Auch wo nicht Krankheit sondern Charaktergestaltung in Betracht kommt, erkennt man leicht,
daß sexuelle Einschränkung mit einer gewissen Ängstlichkeit und Bedenklichkeit Hand in Hand
geht, während Unerschrockenheit und kecker Wagemut ein freies Gewährenlassen der sexuellen
Bedürftigkeit mit sich bringen. So sehr sich diese Beziehungen durch mannigfache
Kultureinflüsse abändern und komplizieren lassen, so bleibt es doch für den Durchschnitt der
Menschen bestehen, daß die Angst mit der sexuellen Beschränkung zusammengehörig ist.
Ich habe Ihnen noch lange nicht alle Beobachtungen mitgeteilt, die für die behauptete genetische
Beziehung zwischen Libido und Angst sprechen. Dazu gehört z.
B. noch der Einfluß gewisser
Lebensphasen auf die Angsterkrankungen, denen man, wie der Pubertät und der Zeit der
Menopause, eine erhebliche Steigerung in der Produktion der Libido zuschreiben darf. In
manchen Zuständen von Aufregung kann man auch die Vermengung von Libido und Angst und
die endliche Ersetzung der Libido durch die Angst direkt beobachten. Der Eindruck, den man von
all diesen Tatsachen empfängt, ist ein zweifacher, erstens daß es sich um eine Anhäufung von
Libido handelt, die von ihrer normalen Verwendung abgehalten wird, zweitens, daß man sich
dabei durchaus auf dem Gebiete somatischer Vorgänge befindet. Wie aus der Libido die Angst
entsteht, ist zunächst nicht ersichtlich; man stellt nur fest, daß Libido vermißt und an ihrer Statt
Angst beobachtet wird.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin