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vergleichen, die nun die gefürchtete Libido vertritt. Die Schwäche des Verteidigungssystems bei
den Phobien liegt natürlich darin, daß die Festung, die sich nach außen hin so verstärkt hat, von
innen her angreifbar geblieben ist. Die Projektion der Libidogefahr nach außen kann nie gut
gelingen. Bei den anderen Neurosen sind darum andere Systeme der Verteidigung gegen die
Möglichkeit der Angstentwicklung im Gebrauch. Das ist ein sehr interessantes Stück der
Neurosenpsychologie, leider führt es uns zu weit und setzt gründlichere Spezialkenntnisse
voraus. Ich will nur noch eines beifügen. Ich habe Ihnen doch bereits von der »Gegenbesetzung«
gesprochen, die das Ich bei einer Verdrängung aufwendet und dauernd unterhalten muß, damit
die Verdrängung Bestand habe. Dieser Gegenbesetzung fällt die Aufgabe zu, die verschiedenen
Formen der Verteidigung gegen die Angstentwicklung nach der Verdrängung durchzuführen.
Kehren wir zu den Phobien zurück. Ich darf nun sagen, Sie sehen ein, wie unzureichend es ist,
wenn man an ihnen nur den Inhalt erklären will, sich für nichts anderes interessiert, als woher es
kommt, daß dies oder jenes Objekt oder eine beliebige Situation zum Gegenstand der Phobie
gemacht wird. Der Inhalt einer Phobie hat für diese ungefähr dieselbe Bedeutung wie die
manifeste Traumfassade für den Traum. Es ist mit den notwendigen Einschränkungen zuzugeben,
daß unter diesen Inhalten der Phobien sich manche befinden, die, wie Stanley Hall hervorhebt,
durch phylogenetische Erbschaft zu Angstobjekten geeignet sind. Ja es stimmt dazu, daß viele
dieser Angstdinge ihre Verbindung mit der Gefahr nur durch eine symbolische Beziehung
herstellen können.
Wir haben uns so überzeugt, welche geradezu zentral zu nennende Stelle das Angstproblem in
den Fragen der Neurosenpsychologie einnimmt. Wir haben einen starken Eindruck davon
empfangen, wie die Angstentwicklung mit den Schicksalen der Libido und dem System des
Unbewußten verknüpft ist. Nur einen Punkt empfanden wir als unverbunden, als eine Lücke in
unserer Auffassung, die eine doch schwer bestreitbare Tatsache, daß die Realangst als eine
Äußerung der Selbsterhaltungstriebe des Ichs gewertet werden muß.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin