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26. Vorlesung
Die Libidotheorie und der Narzißmus
Meine Damen und Herren! Wir haben wiederholt und erst vor kurzem wieder mit der Sonderung
der Ichtriebe und der Sexualtriebe zu tun gehabt. Zuerst hat uns die Verdrängung gezeigt, daß die
beiden in Gegensatz zueinander treten können, daß dann die Sexualtriebe formell unterliegen und
genötigt sind, sich auf regressiven Umwegen Befriedigung zu holen, wobei sie dann in ihrer
Unbezwingbarkeit eine Entschädigung für ihre Niederlage finden. Sodann haben wir gelernt, daß
die beiden von Anfang an ein verschiedenes Verhältnis zur Erzieherin Not haben, so daß sie nicht
dieselbe Entwicklung durchmachen und nicht in die nämliche Beziehung zum Realitätsprinzip
geraten. Endlich glauben wir zu erkennen, daß die Sexualtriebe durch weit engere Bande mit dem
Affektzustand der Angst verknüpft sind als die Ichtriebe, ein Resultat, welches nur noch in einem
wichtigen Punkte unvollständig erscheint. Wir wollen darum zu seiner Verstärkung noch die
bemerkenswerte Tatsache heranziehen, daß die Unbefriedigung von Hunger und Durst, der zwei
elementarsten Selbsterhaltungstriebe, niemals deren Umschlag in Angst zur Folge hat, während
die Umsetzung von unbefriedigter Libido in Angst, wie wir gehört haben, zu den bestbekannten
und am häufigsten beobachteten Phänomenen gehört.
An unserem guten Recht, Ich- und Sexualtriebe zu sondern, kann doch wohl nicht gerüttelt
werden. Es ist ja mit der Existenz des Sexuallebens als einer besonderen Betätigung des
Individuums gegeben. Es kann sich nur fragen, welche Bedeutung wir dieser Sonderung beilegen,
für wie tief einschneidend wir sie halten wollen. Die Beantwortung dieser Frage wird sich aber
nach dem Ergebnis der Feststellung richten, inwiefern sich die Sexualtriebe in ihren somatischen
und seelischen Äußerungen anders verhalten als die anderen, die wir ihnen gegenüberstellen, und
wie bedeutsam die Folgen sind, die sich aus diesen Differenzen ergeben. Eine übrigens nicht
recht faßbare Wesensverschiedenheit der beiden Triebgruppen zu behaupten, dazu fehlt uns
natürlich jedes Motiv. Beide treten uns nur als Benennungen für Energiequellen des Individuums
entgegen, und die Diskussion, ob sie im Grunde eins oder wesensverschieden sind, und wenn
eines, wann sie sich voneinander getrennt haben, kann nicht an den Begriffen geführt werden,
sondern muß sich an die biologischen Tatsachen hinter ihnen halten. Darüber wissen wir
vorläufig zu wenig, und wüßten wir selbst mehr, es käme für unsere analytische Aufgabe nicht in
Betracht.
Wir profitieren offenbar auch sehr wenig, wenn wir nach dem Vorgang von Jung die
uranfängliche Einheit aller Triebe betonen und die in allem sich äußernde Energie »Libido«
nennen. Da sich die Sexualfunktion durch keinerlei Kunststück aus dem Seelenleben eliminieren
läßt, sehen wir uns dann genötigt, von sexueller und von asexueller Libido zu sprechen. Der
Name Libido bleibt aber mit Recht für die Triebkräfte des Sexuallebens vorbehalten, wie wir es
bisher geübt haben.
Ich meine also, die Frage, wie weit die unzweifelhaft berechtigte Sonderung von Sexual- und
Selbsterhaltungstrieben fortzusetzen ist, hat für die Psychoanalyse nicht viel Belang; sie ist auch
nicht kompetent dafür. Von Seiten der Biologie ergeben sich allerdings verschiedene
Anhaltspunkte dafür, daß sie etwas Wichtiges bedeutet. Die Sexualität ist ja die einzige Funktion
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin