Page - 240 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 240 -
Text of the Page - 240 -
des lebenden Organismus, welche über das Individuum hinausgeht und seine Anknüpfung an die
Gattung besorgt. Es ist unverkennbar, daß ihre Ausübung dem Einzelwesen nicht immer Nutzen
bringt wie seine anderen Leistungen, sondern ihn um den Preis einer ungewöhnlich hohen Lust in
Gefahren bringt, die sein Leben bedrohen und es oft genug verwirken. Es werden auch
wahrscheinlich ganz besondere, von allen anderen abweichende Stoffwechselvorgänge
erforderlich sein, um einen Anteil des individuellen Lebens als Disposition für die
Nachkommenschaft zu erhalten. Und endlich ist das Einzelwesen, das sich selbst als Hauptsache
und seine Sexualität als ein Mittel zu seiner Befriedigung wie andere betrachtet, in biologischer
Anschauung nur eine Episode in einer Generationsreihe, ein kurzlebiges Anhängsel an ein mit
virtueller Unsterblichkeit begabtes Keimplasma, gleichsam der zeitweilige Inhaber eines ihn
überdauernden Fideikommisses.
Indes braucht es für die psychoanalytische Aufklärung der Neurosen nicht so weitreichender
Gesichtspunkte. Mit Hilfe der gesonderten Verfolgung von Sexual- und Ichtrieben haben wir den
Schlüssel zum Verständnis der Gruppe der Übertragungsneurosen gewonnen. Wir konnten sie auf
die grundlegende Situation zurückführen, daß die Sexualtriebe in Zwist mit den
Erhaltungstrieben geraten oder biologisch – wenn auch ungenauer ausgedrückt –, daß die eine
Position des Ichs als selbständiges Einzelwesen mit der anderen als Glied einer Generationsreihe
in Widerstreit tritt. Zu solcher Entzweiung kommt es vielleicht nur beim Menschen, und darum
mag im ganzen und großen die Neurose sein Vorrecht vor den Tieren sein. Die überstarke
Entwicklung seiner Libido und die vielleicht gerade dadurch ermöglichte Ausbildung eines reich
gegliederten Seelenlebens scheinen die Bedingungen für die Entstehung eines solchen Konflikts
geschaffen zu haben. Es ist ohne weiteres ersichtlich, daß dies auch die Bedingungen der großen
Fortschritte sind, die der Mensch über seine Gemeinschaft mit den Tieren hinaus gemacht hat, so
daß seine Fähigkeit zur Neurose nur die Kehrseite seiner sonstigen Begabung wäre. Aber auch
das sind nur Spekulationen, die uns von unserer nächsten Aufgabe ablenken.
Es war bisher die Voraussetzung unserer Arbeit, daß wir Ich- und Sexualtriebe nach ihren
Äußerungen voneinander unterscheiden können. Bei Übertragungsneurosen gelang dies ohne
Schwierigkeit. Wir nannten die Energiebesetzungen, die das Ich den Objekten seiner
Sexualstrebungen zuwendet, »Libido«, alle anderen, die von den Selbsterhaltungstrieben
ausgeschickt werden, »Interesse« und konnten uns durch die Verfolgung der Libidobesetzungen,
ihrer Umwandlungen und ihrer endlichen Schicksale eine erste Einsicht in das Getriebe der
seelischen Kräfte verschaffen. Die Übertragungsneurosen boten uns hierfür den günstigsten Stoff.
Das Ich aber, seine Zusammensetzung aus verschiedenen Organisationen, deren Aufbau und
Funktionsweise, blieb uns verhüllt, und wir durften vermuten, daß erst die Analyse anderer
neurotischer Störungen uns diese Einsicht bringen könnte.
Wir haben frühzeitig damit begonnen, die psychoanalytischen Anschauungen auf diese anderen
Affektionen auszudehnen. Schon 1908 sprach K. Abraham nach einem Gedankenaustausch mit
mir den Satz aus, es sei der Hauptcharakter der (zu den Psychosen gerechneten) Dementia
praecox, daß ihr die Libidobesetzung der Objekte abgehe. (›Die psychosexuellen Differenzen der
Hysterie und der Dementia praecox.‹) Dann erhob sich aber die Frage, was geschieht mit der von
den Objekten abgewandten Libido der Dementen? Abraham zögerte nicht, die Antwort zu geben:
sie wird auf das Ich zurückgewandt, und diese reflexive Rückwendung ist die Quelle des
Größenwahns der Dementia praecox. Der Größenwahn ist durchaus der im Liebesleben
bekannten Sexualüberschätzung des Objektes zu vergleichen. Wir haben so zum erstenmal einen
Zug einer psychotischen Affektion durch die Beziehung auf das normale Liebesleben verstehen
240
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin