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gelernt.
Ich sage es Ihnen gleich, diese ersten Auffassungen von Abraham haben sich in der
Psychoanalyse erhalten und sind die Grundlage für unsere Stellungnahme zu den Psychosen
geworden. Man machte sich also langsam mit der Vorstellung vertraut, daß die Libido, die wir an
den Objekten haftend finden, die der Ausdruck eines Bestrebens ist, an diesen Objekten eine
Befriedigung zu gewinnen, auch von diesen Objekten ablassen und an ihrer Statt das eigene Ich
setzen kann, und man baute diese Vorstellung allmählich immer konsequenter aus. Den Namen
für diese Unterbringung der Libido – Narzißmus – entlehnten wir einer von P. Näcke
beschriebenen Perversion, bei welcher das erwachsene Individuum den eigenen Leib mit all den
Zärtlichkeiten bedenkt, die man sonst für ein fremdes Sexualobjekt aufwendet.
Man sagt sich dann alsbald, wenn es eine solche Fixierung der Libido an den eigenen Leib und
die eigene Person anstatt an ein Objekt gibt, so kann dies kein ausnahmsweises und kein
geringfügiges Vorkommnis sein. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß dieser Narzißmus der
allgemeine und ursprüngliche Zustand ist, aus welchem sich erst später die Objektliebe
herausbildete, ohne daß darum der Narzißmus zu verschwinden brauchte. Man mußte sich ja aus
der Entwicklungsgeschichte der Objektlibido daran erinnern, daß viele Sexualtriebe sich
anfänglich am eigenen Körper, wie wir sagen: autoerotisch befriedigen und daß diese Fähigkeit
zum Autoerotismus das Zurückbleiben der Sexualität in der Erziehung zum Realitätsprinzip
begründet. So war also der Autoerotismus die Sexualbetätigung des narzißtischen Stadiums der
Libidounterbringung.
Um es kurz zu fassen, wir machten uns von dem Verhältnis der Ichlibido zur Objektlibido eine
Vorstellung, die ich Ihnen durch ein Gleichnis aus der Zoologie veranschaulichen kann. Denken
Sie an jene einfachsten Lebewesen, die aus einem wenig differenzierten Klümpchen
protoplasmatischer Substanz bestehen. Sie strecken Fortsätze aus, Pseudopodien genannt, in
welche sie ihre Leibessubstanz hinüberfließen lassen. Sie können diese Fortsätze aber auch
wieder einziehen und sich zum Klumpen ballen. Das Ausstrecken der Fortsätze vergleichen wir
nun der Aussendung von Libido auf die Objekte, während die Hauptmenge der Libido im Ich
verbleiben kann, und wir nehmen an, daß unter normalen Verhältnissen Ichlibido ungehindert in
Objektlibido umgesetzt und diese wieder ins Ich aufgenommen werden kann.
Mit Hilfe dieser Vorstellungen können wir nun eine ganze Anzahl von seelischen Zuständen
erklären oder, bescheidener ausgedrückt, in der Sprache der Libidotheorie beschreiben, Zustände,
die wir dem normalen Leben zurechnen müssen, wie das psychische Verhalten in der
Verliebtheit, bei organischem Kranksein, im Schlaf. Wir haben für den Schlafzustand die
Annahme gemacht, daß er auf Abwendung von der Außenwelt und Einstellung auf den
Schlafwunsch beruhe. Was sich als nächtliche Seelentätigkeit im Traume äußerte, fanden wir im
Dienste eines Schlafwunsches und überdies von durchaus egoistischen Motiven beherrscht. Wir
führen jetzt im Sinne der Libidotheorie aus, daß der Schlaf ein Zustand ist, in welchem alle
Objektbesetzungen, die libidinösen ebensowohl wie die egoistischen, aufgegeben und ins Ich
zurückgezogen werden. Ob damit nicht ein neues Licht auf die Erholung durch den Schlaf und
auf die Natur der Ermüdung überhaupt geworfen wird? Das Bild der seligen Isolierung im
Intrauterinleben, welches uns der Schlafende allnächtlich wieder heraufbeschwört, wird so auch
nach der psychischen Seite vervollständigt. Beim Schlafenden hat sich der Urzustand der
Libidoverteilung wiederhergestellt, der volle Narzißmus, bei dem Libido und Ichinteresse noch
vereint und ununterscheidbar in dem sich selbst genügenden Ich wohnen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin