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Hier ist Raum für zwei Bemerkungen. Erstens, wie unterscheiden sich Narzißmus und Egoismus
begrifflich? Nun, ich meine, Narzißmus ist die libidinöse Ergänzung zum Egoismus. Wenn man
von Egoismus spricht, hat man nur den Nutzen für das Individuum ins Auge gefaßt; sagt man
Narzißmus, so zieht man auch seine libidinöse Befriedigung in Betracht. Als praktische Motive
lassen sich die beiden ein ganzes Stück weit gesondert verfolgen. Man kann absolut egoistisch
sein und doch starke libidinöse Objektbesetzungen unterhalten, insofern die libidinöse
Befriedigung am Objekt zu den Bedürfnissen des Ichs gehört. Der Egoismus wird dann darauf
achten, daß die Strebung nach dem Objekt dem Ich keinen Schaden bringe. Man kann egoistisch
sein und dabei auch überstark narzißtisch, d.
h. ein sehr geringes Objektbedürfnis haben und dies
wiederum entweder in der direkten Sexualbefriedigung oder auch in jenen höheren, vom
Sexualbedürfnis abgeleiteten Strebungen, die wir gelegentlich als »Liebe« in einen Gegensatz zur
»Sinnlichkeit« zu bringen pflegen. Der Egoismus ist in all diesen Beziehungen das
Selbstverständliche, Konstante, der Narzißmus das variable Element. Der Gegensatz von
Egoismus, Altruismus, deckt sich begrifflich nicht mit libidinöser Objektbesetzung, er sondert
sich von ihr durch den Wegfall der Strebungen nach sexueller Befriedigung. In der vollen
Verliebtheit trifft aber der Altruismus mit der libidinösen Objektbesetzung zusammen. Das
Sexualobjekt zieht in der Regel einen Anteil des Narzißmus des Ichs auf sich, was als die
sogenannte »Sexualüberschätzung« des Objektes bemerkbar wird. Kommt noch die altruistische
Überleitung vom Egoismus auf das Sexualobjekt hinzu, so wird das Sexualobjekt übermächtig; es
hat das Ich gleichsam aufgesogen.
Ich denke, Sie werden es als Erholung empfinden, wenn ich Ihnen nach der im Grunde trockenen
Phantastik der Wissenschaft eine poetische Darstellung des ökonomischen Gegensatzes von
Narzißmus und Verliebtheit vorlege. Ich entnehme sie dem Westöstlichen Diwan Goethes:
suleika
Volk und Knecht und Überwinder
Sie gestehn zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
Jedes Leben sei zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermißt;
Alles könne man verlieren,
Wenn man bliebe, was man ist.
hatem
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin