Page - 246 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Antworten auf unsere Fragen, und wir sind vorläufig darauf angewiesen, diese Äußerungen mit
Hilfe des Verständnisses, das wir an den Symptomen der Übertragungsneurosen gewonnen
haben, zu deuten. Die Übereinstimmung ist groß genug, um uns einen Anfangsgewinn
zuzusichern. Wie weit diese Technik reichen wird, bleibt dahingestellt.
Andere Schwierigkeiten kommen hinzu, um unseren Fortschritt aufzuhalten. Die narzißtischen
Affektionen und die an sie anschließenden Psychosen können nur von Beobachtern enträtselt
werden, die sich durch das analytische Studium der Übertragungsneurosen geschult haben. Aber
unsere Psychiater studieren keine Psychoanalyse und wir Psychoanalytiker sehen zu wenig
psychiatrische Fälle. Es muß erst ein Geschlecht von Psychiatern herangewachsen sein, welches
durch die Schule der Psychoanalyse als vorbereitender Wissenschaft gegangen ist. Der Anfang
dazu wird gegenwärtig in Amerika gemacht, wo sehr viele leitende Psychiater den Studenten die
psychoanalytischen Lehren vortragen und wo Anstaltsbesitzer und Irrenhausdirektoren sich
bemühen, ihre Kranken im Sinne dieser Lehren zu beobachten. Immerhin ist es auch uns hier
einige Male geglückt, einen Blick über die narzißtische Mauer zu werfen, und ich will Ihnen im
Folgenden einiges berichten, was wir erhascht zu haben glauben.
Die Krankheitsform der Paranoia, der chronischen systematischen Verrücktheit, nimmt in den
Klassifikationsversuchen der heutigen Psychiatrie eine schwankende Stellung ein. An ihrer nahen
Verwandtschaft mit der Dementia praecox ist indes kein Zweifel. Ich habe mir einmal den
Vorschlag erlaubt, Paranoia und Dementia praecox unter der gemeinsamen Bezeichnung der
Paraphrenie zusammenzufassen. Die Formen der Paranoia werden nach ihrem Inhalt als:
Größenwahn, Verfolgungswahn, Liebeswahn (Erotomanie), Eifersuchtswahn usw. beschrieben.
Erklärungsversuche werden wir von der Psychiatrie nicht erwarten. Als Beispiel eines solchen,
allerdings ein veraltetes und nicht ganz vollwertiges Beispiel, erwähne ich Ihnen den Versuch,
ein Symptom mittels einer intellektuellen Rationalisierung aus einem anderen abzuleiten: Der
Kranke, der sich aus primärer Neigung verfolgt glaubt, soll aus dieser Verfolgung den Schluß
ziehen, er müsse doch eine ganz besonders wichtige Persönlichkeit sein, und darum den
Größenwahn entwickeln. Für unsere analytische Auffassung ist der Größenwahn die unmittelbare
Folge der Ichvergrößerung durch die Einziehung der libidinösen Objektbesetzungen, ein
sekundärer Narzißmus als Wiederkehr des ursprünglichen frühinfantilen. An den Fällen von
Verfolgungswahn haben wir aber einiges beobachtet, was uns veranlaßte, eine gewisse Spur zu
verfolgen. Es fiel uns zunächst auf, daß in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle der Verfolger
von demselben Geschlecht war wie der Verfolgte. Das war immer noch einer harmlosen
Erklärung fähig, aber in einigen gut studierten Fällen zeigte es sich klar, daß die in normalen
Zeiten am besten geliebte Person des gleichen Geschlechtes sich seit der Erkrankung zum
Verfolger umgewandelt hatte. Eine weitere Entwicklung wird dadurch möglich, daß die geliebte
Person nach bekannten Affinitäten durch eine andere ersetzt wird, z. B. der Vater durch den
Lehrer, den Vorgesetzten. Wir zogen aus solchen, sich immer vermehrenden Erfahrungen den
Schluß, daß die Paranoia persecutoria die Form ist, in der sich das Individuum gegen eine
überstark gewordene homosexuelle Regung zur Wehre setzt. Die Verwandlung der Zärtlichkeit in
Haß, die bekanntlich zur ernsthaften Lebensbedrohung für das geliebte und gehaßte Objekt
werden kann, entspricht dann der Umsetzung libidinöser Regungen in Angst, die ein
regelmäßiges Ergebnis des Verdrängungsvorganges ist. Hören Sie z. B. den wiederum letzten Fall
meiner diesbezüglichen Beobachtungen. Ein junger Arzt mußte aus seinem Heimatsort verschickt
werden, weil er den Sohn eines dortigen Universitätsprofessors, der bis dahin sein bester Freund
gewesen war, am Leben bedroht hatte. Er schrieb diesem einstigen Freund wahrhaft teuflische
Absichten und eine dämonische Macht zu. Er war schuld an allem Unglück, das in den letzten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin