Page - 247 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 247 -
Text of the Page - 247 -
Jahren die Familie des Kranken getroffen hatte, an jedem familiären und sozialen Mißgeschick.
Aber nicht genug damit, der böse Freund und sein Vater, der Professor, hatten auch den Krieg
verursacht, die Russen ins Land gerufen. Er hatte sein Leben tausendmal verwirkt, und unser
Kranker war überzeugt, daß mit dem Tode des Missetäters alles Unheil zu Ende gebracht wäre.
Und doch war seine alte Zärtlichkeit für ihn noch so stark, daß sie seine Hand gelähmt hatte, als
sich ihm einmal die Gelegenheit bot, den Feind aus nächster Nähe niederzuschießen. In den
kurzen Besprechungen, die ich mit dem Kranken hatte, kam zum Vorschein, daß das
freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden weit in die Gymnasialjahre zurückreichte.
Wenigstens einmal hatte es die Grenzen der Freundschaft überschritten; ein nächtliches
Beisammensein war ihnen der Anlaß zu vollem sexuellen Verkehr geworden. Unser Patient hatte
nie die Gefühlsbeziehung zu den Frauen gewonnen, die seiner Altersphase und seiner
einnehmenden Persönlichkeit entsprochen hätte. Er war einmal mit einem schönen und
vornehmen Mädchen verlobt, aber dieses brach das Verlöbnis ab, weil es bei seinem Bräutigam
keine Zärtlichkeit fand. Jahre später brach seine Krankheit gerade in dem Momente aus, als es
ihm zum erstenmal geglückt war, ein Weib voll zu befriedigen. Als diese Frau ihn dankbar und
hingebungsvoll umarmte, bekam er plötzlich einen rätselhaften Schmerz, der wie ein scharfer
Schnitt um die Schädeldecke lief. Er deutete sich diese Sensation später, als ob an ihm der Schnitt
ausgeführt wurde, mit dem man bei einer Sektion das Gehirn bloßlegt, und da sein Freund
pathologischer Anatom geworden war, entdeckte er langsam, daß nur dieser ihm diese letzte Frau
zur Versuchung geschickt haben könne. Von da an gingen ihm auch die Augen über die anderen
Verfolgungen auf, deren Opfer er durch das Betreiben des einstigen Freundes werden sollte.
Wie ist es nun aber mit den Fällen, bei denen der Verfolger nicht desselben Geschlechtes ist wie
der Verfolgte, deren Anschein also unserer Erklärung einer Abwehr homosexueller Libido
widerspricht? Ich habe vor einiger Zeit Gelegenheit gehabt, einen solchen Fall zu untersuchen,
und habe aus dem scheinbaren Widerspruch eine Bestätigung entnehmen können. Das junge
Mädchen, welches sich von dem Manne verfolgt glaubte, dem sie zwei zärtliche
Zusammenkünfte zugestanden, hatte in der Tat zuerst eine Wahnidee gegen eine Frau gerichtet,
die man als Mutterersatz auffassen kann. Erst nach der zweiten Zusammenkunft machte sie den
Fortschritt, dieselbe Wahnidee von der Frau abzulösen und auf den Mann zu übertragen. Die
Bedingung des gleichen Geschlechtes für den Verfolger war also ursprünglich auch in diesem
Falle eingehalten worden. In ihrer Klage vor dem Rechtsfreund und dem Arzt hatte die Patientin
dieses Vorstadium ihres Wahnes nicht erwähnt und so den Anschein eines Widerspruches gegen
unser Verständnis der Paranoia erweckt.
Die homosexuelle Objektwahl liegt dem Narzißmus ursprünglich näher als die heterosexuelle.
Wenn es dann gilt, eine unerwünscht starke homosexuelle Regung abzuweisen, so ist der
Rückweg zum Narzißmus besonders erleichtert. Ich habe bisher sehr wenig Gelegenheit gehabt,
Ihnen von den Grundlagen des Liebeslebens, soweit wir sie erkannt haben, zu sprechen, kann es
auch jetzt nicht nachholen. Ich will nur so viel herausheben, daß die Objektwahl, der Fortschritt
in der Libidoentwicklung, der nach dem narzißtischen Stadium gemacht wird, nach zwei
verschiedenen Typen erfolgen kann. Entweder nach dem narzißtischen Typus, indem an die
Stelle des eigenen Ichs ein ihm möglichst ähnliches tritt, oder nach dem Anlehnungstypus, indem
die Personen, die durch Befriedigung der anderen Lebensbedürfnisse wertvoll geworden sind,
auch von der Libido zu Objekten gewählt werden. Eine starke Libidofixierung an den
narzißtischen Typus der Objektwahl rechnen wir auch in die Disposition zur manifesten
Homosexualität ein.
247
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin