Page - 249 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ihm Fremdes nach außen verlegt. Er verspürt das Walten einer Instanz in seinem Ich, welche sein
aktuelles Ich und jede seiner Betätigungen an einem Ideal-Ich mißt, das er sich im Laufe seiner
Entwicklung geschaffen hat. Wir meinen auch, diese Schöpfung geschah in der Absicht, jene
Selbstzufriedenheit wiederherzustellen, die mit dem primären infantilen Narzißmus verbunden
war, die aber seither so viel Störungen und Kränkungen erfahren hat. Die selbstbeobachtende
Instanz kennen wir als den Ichzensor, das Gewissen; sie ist dieselbe, die nächtlicherweile die
Traumzensur ausübt, von der die Verdrängungen gegen unzulässige Wunschregungen ausgehen.
Wenn sie beim Beobachtungswahn zerfällt, so deckt sie uns dabei ihre Herkunft auf aus den
Einflüssen von Eltern, Erziehern und sozialer Umgebung, aus der Identifizierung mit einzelnen
dieser vorbildlichen Personen.
Dies wären einige der Ergebnisse, welche uns die Anwendung der Psychoanalyse auf die
narzißtischen Affektionen bisher geliefert hat. Es sind gewiß noch zu wenige, und sie entbehren
oft noch jener Schärfe, die erst durch sichere Vertrautheit auf einem neuen Gebiete erreicht
werden kann. Wir verdanken sie alle der Ausnützung des Begriffes der Ichlibido oder
narzißtischen Libido, mit dessen Hilfe wir die Auffassungen, die sich bei den
Übertragungsneurosen bewährt haben, auf die narzißtischen Neurosen erstrecken. Nun werden
Sie aber die Frage stellen: ist es möglich, daß es uns gelingt, alle Störungen der narzißtischen
Affektionen und der Psychosen der Libidotheorie unterzuordnen, daß wir überall den libidinösen
Faktor des Seelenlebens als den an der Erkrankung schuldigen erkennen und niemals eine
Abänderung in der Funktion der Selbsterhaltungstriebe verantwortlich zu machen brauchen?
Nun, meine Damen und Herren, diese Entscheidung scheint mir nicht dringlich und vor allem
nicht spruchreif zu sein. Wir können sie ruhig dem Fortschritt der wissenschaftlichen Arbeit
überlassen. Ich würde mich nicht verwundern, wenn sich das Vermögen der pathogenen Wirkung
wirklich als ein Vorrecht der libidinösen Triebe herausstellte, so daß die Libidotheorie auf der
ganzen Linie von den einfachsten Aktualneurosen bis zur schwersten psychotischen Entfremdung
des Individuums ihren Triumph feiern könnte. Kennen wir es doch als charakteristischen Zug der
Libido, daß sie der Unterordnung unter die Realität der Welt, die Ananke, widerstrebt. Aber ich
halte es für überaus wahrscheinlich, daß die Ichtriebe durch die pathogenen Anregungen der
Libido sekundär mitgerissen und zur Funktionsstörung genötigt werden. Und ich kann kein
Scheitern unserer Forschungsrichtung darin erblicken, wenn uns die Erkenntnis bevorsteht, daß
bei den schweren Psychosen die Ichtriebe selbst in primärer Weise irregeführt werden; die
Zukunft wird es, Sie wenigstens, lehren.
Lassen Sie mich aber noch für einen Moment zur Angst zurückkehren, um eine letzte Dunkelheit,
die wir dort gelassen haben, zu erleuchten. Wir sagten, es stimme uns nicht zu der sonst so gut
erkannten Beziehung zwischen Angst und Libido, daß die Realangst angesichts einer Gefahr die
Äußerung der Selbsterhaltungstriebe sein sollte, was sich aber doch kaum bestreiten läßt. Wie
wäre es aber, wenn der Angstaffekt nicht von den egoistischen Ichtrieben, sondern von der
Ichlibido bestritten würde? Der Angstzustand ist doch auf alle Fälle unzweckmäßig, und seine
Unzweckmäßigkeit wird offenkundig, wenn er einen höheren Grad erreicht. Er stört dann die
Aktion, sei es der Flucht oder der Abwehr, die allein zweckmäßig ist und der Selbsterhaltung
dient. Wenn wir also den affektiven Anteil der Realangst der Ichlibido, die Aktion dabei dem
Icherhaltungstrieb zuschreiben, haben wir jede theoretische Schwierigkeit beseitigt. Sie werden
übrigens doch nicht im Ernst glauben, daß man sich flüchtet, weil man Angst verspürt? Nein,
man verspürt die Angst und man ergreift die Flucht aus dem gemeinsamen Motiv, das durch die
Wahrnehmung der Gefahr geweckt wird. Menschen, die große Lebensgefahren bestanden haben,
erzählen, sie haben sich gar nicht geängstigt, bloß gehandelt, z.
B. das Gewehr auf das Raubtier
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin