Page - 253 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ebenso ferne. Wir sind zwar keine Reformer, sondern bloß Beobachter, aber wir können nicht
umhin, mit kritischen Augen zu beobachten, und haben es unmöglich gefunden, für die
konventionelle Sexualmoral Partei zu nehmen, die Art, wie die Gesellschaft die Probleme des
Sexuallebens praktisch zu ordnen versucht, hoch einzuschätzen. Wir können es der Gesellschaft
glatt vorrechnen, daß das, was sie ihre Sittlichkeit heißt, mehr Opfer kostet, als es wert ist, und
daß ihr Verfahren weder auf Wahrhaftigkeit beruht noch von Klugheit zeugt. Wir ersparen es
unseren Patienten nicht, diese Kritik mitanzuhören, wir gewöhnen sie an vorurteilsfreie
Erwägung der sexuellen Angelegenheiten wie aller anderen, und wenn sie, nach Vollendung ihrer
Kur selbständig geworden, sich aus eigenem Ermessen zu irgendeiner mittleren Position
zwischen dem vollen Ausleben und der unbedingten Askese entschließen, fühlen wir unser
Gewissen durch keinen dieser Ausgänge belastet. Wir sagen uns, wer die Erziehung zur Wahrheit
gegen sich selbst mit Erfolg durchgemacht hat, der ist gegen die Gefahr der Unsittlichkeit
dauernd geschützt, mag sein Maßstab der Sittlichkeit auch von dem in der Gesellschaft
gebräuchlichen irgendwie abweichen. Übrigens, hüten wir uns davor, die Bedeutung der
Abstinenzfrage für die Beeinflussung der Neurosen zu überschätzen. Nur in einer Minderzahl
kann der pathogenen Situation der Versagung mit darauffolgender Libidostauung durch die Art
von Sexualverkehr ein Ende gemacht werden, die mit geringer Mühe zu erreichen ist.
Durch die Gestattung des sexuellen Auslebens können Sie also die therapeutische Wirkung der
Psychoanalyse nicht erklären. Sehen Sie sich nach anderem um. Ich denke, während ich diese
Ihre Mutmaßung abwies, hat eine Bemerkung von mir Sie auf die richtige Spur geführt. Es muß
wohl die Ersetzung des Unbewußten durch Bewußtes, die Übersetzung des Unbewußten in
Bewußtes sein, wodurch wir nützen. Richtig, das ist es auch. Indem wir das Unbewußte zum
Bewußten fortsetzen, heben wir die Verdrängungen auf, beseitigen wir die Bedingungen für die
Symptombildung, verwandeln wir den pathogenen Konflikt in einen normalen, der irgendwie
eine Entscheidung finden muß. Nichts anderes als diese eine psychische Veränderung rufen wir
beim Kranken hervor: so weit diese reicht, so weit trägt unsere Hilfeleistung. Wo keine
Verdrängung oder ein ihr analoger psychischer Vorgang rückgängig zu machen ist, da hat auch
unsere Therapie nichts zu suchen.
Wir können das Ziel unserer Bemühung in verschiedenen Formeln ausdrücken: Bewußtmachen
des Unbewußten, Aufhebung der Verdrängungen, Ausfüllung der amnestischen Lücken, das
kommt alles auf das gleiche hinaus. Aber vielleicht werden Sie von diesem Bekenntnis
unbefriedigt sein. Sie haben sich unter dem Gesundwerden eines Nervösen etwas anderes
vorgestellt, daß er ein anderer Mensch werde, nachdem er sich der mühseligen Arbeit einer
Psychoanalyse unterzogen hat, und dann soll das ganze Ergebnis sein, daß er etwas weniger
Unbewußtes und etwas mehr Bewußtes in sich hat als vorher. Nun, Sie unterschätzen
wahrscheinlich die Bedeutung einer solchen inneren Veränderung. Der geheilte Nervöse ist
wirklich ein anderer Mensch geworden, im Grunde ist er aber natürlich derselbe geblieben, d. h.
er ist so geworden, wie er bestenfalls unter den günstigsten Bedingungen hätte werden können.
Aber das ist sehr viel. Wenn Sie dann hören, was man alles tun muß und welcher Anstrengung es
bedarf, um jene anscheinend geringfügige Veränderung in seinem Seelenleben durchzusetzen,
wird Ihnen die Bedeutung eines solchen Unterschiedes im psychischen Niveau wohl glaubhaft
erscheinen.
Ich schweife für einen Augenblick ab, um zu fragen, ob Sie wissen, was man eine kausale
Therapie nennt? So heißt man nämlich ein Verfahren, welches nicht die Krankheitserscheinungen
zum Angriffspunkt nimmt, sondern sich die Beseitigung der Krankheitsursachen vorsetzt. Ist nun
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin