Page - 255 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 255 -
Text of the Page - 255 -
Mikroskop guckt, wird vom Lehrer unterrichtet, was er sehen soll, sonst sieht er es überhaupt
nicht, obwohl es da und sichtbar ist.
Und nun die Tatsache. Bei einer ganzen Anzahl von Formen nervöser Erkrankung, bei den
Hysterien, Angstzuständen, Zwangsneurosen trifft unsere Voraussetzung zu. Durch solches
Aufsuchen der Verdrängung, Aufdecken der Widerstände, Andeuten des Verdrängten gelingt es
wirklich, die Aufgabe zu lösen, also die Widerstände zu überwinden, die Verdrängung
aufzuheben und das Unbewußte in Bewußtes zu verwandeln. Dabei gewinnen wir den klarsten
Eindruck davon, wie sich um die Überwindung eines jeden Widerstandes ein heftiger Kampf in
der Seele des Patienten abspielt, ein normaler Seelenkampf auf gleichem psychologischen Boden
zwischen den Motiven, welche die Gegenbesetzung aufrechthalten wollen, und denen, die bereit
sind, sie aufzugeben. Die ersteren sind die alten Motive, die seinerzeit die Verdrängung
durchgesetzt haben; unter den letzteren befinden sich die neu hinzugekommenen, die hoffentlich
den Konflikt in unserem Sinne entscheiden werden. Es ist uns gelungen, den alten
Verdrängungskonflikt wieder aufzufrischen, den damals erledigten Prozeß zur Revision zu
bringen. Als neues Material bringen wir erstens hinzu die Mahnung, daß die frühere
Entscheidung zur Krankheit geführt hat, und das Versprechen, daß eine andere den Weg zur
Genesung bahnen wird, zweitens die großartige Veränderung aller Verhältnisse seit dem
Zeitpunkt jener ersten Abweisung. Damals war das Ich schwächlich, infantil, und hatte vielleicht
Grund, die Libidoforderung als Gefahr zu ächten. Heute ist es erstarkt und erfahren und hat
überdies in dem Arzt einen Helfer zur Seite. So dürfen wir erwarten, den aufgefrischten Konflikt
zu einem besseren Ausgang als dem in Verdrängung zu leiten, und wie gesagt, bei den Hysterien,
Angst- und Zwangsneurosen gibt der Erfolg uns prinzipiell recht.
Nun gibt es aber andere Krankheitsformen, bei denen trotz der Gleichheit der Verhältnisse unser
therapeutisches Vorgehen niemals Erfolg bringt. Es hat sich auch bei ihnen um einen
ursprünglichen Konflikt zwischen dem Ich und der Libido gehandelt, der zur Verdrängung
geführt hat – mag diese auch topisch anders zu charakterisieren sein –, es ist auch hier möglich,
die Stellen aufzuspüren, an denen im Leben des Kranken die Verdrängungen vorgefallen sind,
wir wenden das nämliche Verfahren an, sind zu denselben Versprechungen bereit, leisten
dieselbe Hilfe durch Mitteilung von Erwartungsvorstellungen, und wiederum läuft die
Zeitdifferenz zwischen der Gegenwart und jenen Verdrängungen zu Gunsten eines anderen
Ausganges des Konflikts. Und doch gelingt es uns nicht, einen Widerstand aufzuheben oder eine
Verdrängung zu beseitigen. Diese Patienten, Paranoiker, Melancholiker, mit Dementia praecox
Behaftete, bleiben im ganzen ungerührt und gegen die psychoanalytische Therapie gefeit. Woher
kann das kommen? Nicht von dem Mangel an Intelligenz; ein gewisses Maß von intellektueller
Leistungsfähigkeit wird bei unseren Patienten natürlich erforderlich sein, aber daran fehlt es z. B.
den so scharfsinnig kombinierenden Paranoikern sicherlich nicht. Auch von den anderen
Triebkräften können wir keine vermissen. Die Melancholiker z. B. haben das Bewußtsein, krank
zu sein und darum so schwer zu leiden, das den Paranoikern abgeht, in sehr hohem Maße, aber
sie sind darum nicht zugänglicher. Wir stehen hier vor einer Tatsache, die wir nicht verstehen und
die uns darum auch zweifeln heißt, ob wir den möglichen Erfolg bei den anderen Neurosen
wirklich in all seinen Bedingungen verstanden haben.
Bleiben wir bei der Beschäftigung mit unseren Hysterikern und Zwangsneurotikern, so tritt uns
alsbald eine zweite Tatsache entgegen, auf die wir in keiner Weise vorbereitet waren. Nach einer
Weile müssen wir nämlich bemerken, daß diese Kranken sich gegen uns in ganz besonderer Art
benehmen. Wir glaubten ja, uns von allen bei der Kur in Betracht kommenden Triebkräften
255
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin