Page - 257 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Mädchen und einen jüngeren Mann, so werden wir den Eindruck einer normalen Verliebtheit
bekommen, werden es begreiflich finden, daß sich ein Mädchen in einen Mann verliebt, mit dem
es viel allein sein und Intimes besprechen kann, der ihm in der vorteilhaften Position des
überlegenen Helfers entgegentritt, und werden darüber wahrscheinlich übersehen, daß bei dem
neurotischen Mädchen eher eine Störung der Liebesfähigkeit zu erwarten wäre. Je weiter sich
dann die persönlichen Verhältnisse von Arzt und Patient von diesem angenommenen Fall
entfernen, desto mehr wird es uns befremden, wenn wir trotzdem immer wieder dieselbe
Gefühlsbeziehung hergestellt finden. Es mag noch angehen, wenn die junge, in der Ehe
unglückliche Frau von einer ernsten Leidenschaft für ihren selbst noch freien Arzt erfaßt scheint,
wenn sie bereit ist, die Scheidung ihrer Ehe anzustreben, um ihm anzugehören, oder im Falle
sozialer Hemmnisse selbst kein Bedenken äußert, ein heimliches Liebesverhältnis mit ihm
einzugehen. Dergleichen kommt ja auch sonst außerhalb der Psychoanalyse vor. Man hört nun
aber unter diesen Umständen mit Erstaunen Äußerungen von Seiten der Frauen und Mädchen,
welche eine ganz bestimmte Stellungnahme zum therapeutischen Problem bekunden: sie hätten
immer gewußt, daß sie nur durch die Liebe gesund werden können, und von Beginn der
Behandlung an erwartet, daß ihnen durch diesen Verkehr endlich geschenkt werde, was ihnen das
Leben bisher vorenthalten. Nur dieser Hoffnung wegen hätten sie sich so viel Mühe in der Kur
gegeben und alle Schwierigkeiten der Mitteilung überwunden. Wir werden für uns hinzusetzen:
und alles, was sonst zu glauben schwerfällt, so leicht verstanden. Aber ein solches Geständnis
überrascht uns; es wirft unsere Berechnungen über den Haufen. Könnte es sein, daß wir den
wichtigsten Posten aus unserem Ansatz weggelassen haben?
Und wirklich, je weiter wir in der Erfahrung kommen, desto weniger können wir dieser für
unsere Wissenschaftlichkeit beschämenden Korrektur widerstreben. Die ersten Male konnte man
etwa glauben, die analytische Kur sei auf eine Störung durch ein zufälliges, d. h. nicht in ihrer
Absicht liegendes und von ihr nicht hervorgerufenes Ereignis gestoßen. Aber wenn sich eine
solche zärtliche Bindung des Patienten an den Arzt regelmäßig bei jedem neuen Falle wiederholt,
wenn sie unter den ungünstigsten Bedingungen, bei geradezu grotesken Mißverhältnissen immer
wieder zum Vorschein kommt, auch bei der gealterten Frau, auch gegen den graubärtigen Mann,
auch dort, wo nach unserem Urteil keinerlei Verlockungen bestehen, dann müssen wir doch die
Idee eines störenden Zufalles aufgeben und erkennen, daß es sich um ein Phänomen handelt,
welches mit dem Wesen des Krankseins selbst im Innersten zusammenhängt.
Die neue Tatsache, welche wir also widerstrebend anerkennen, heißen wir die Übertragung. Wir
meinen eine Übertragung von Gefühlen auf die Person des Arztes, weil wir nicht glauben, daß die
Situation der Kur eine Entstehung solcher Gefühle rechtfertigen könne. Vielmehr vermuten wir,
daß die ganze Gefühlsbereitschaft anderswoher stammt, in der Kranken vorbereitet war und bei
der Gelegenheit der analytischen Behandlung auf die Person des Arztes übertragen wird. Die
Übertragung kann als stürmische Liebesforderung auftreten oder in gemäßigteren Formen; an
Stelle des Wunsches, Geliebte zu sein, kann zwischen dem jungen Mädchen und dem alten Mann
der Wunsch auftauchen, als bevorzugte Tochter angenommen zu werden, das libidinöse Streben
kann sich zum Vorschlag einer unzertrennlichen, aber ideal unsinnlichen Freundschaft mildern.
Manche Frauen verstehen es, die Übertragung zu sublimieren und an ihr zu modeln, bis sie eine
Art von Existenzfähigkeit gewinnt; andere müssen sie in ihrer rohen, ursprünglichen, zumeist
unmöglichen Gestalt äußern. Aber es ist im Grunde immer das gleiche und läßt die Herkunft aus
derselben Quelle nie verkennen.
Ehe wir uns fragen, wo wir die neue Tatsache der Übertragung unterbringen wollen, wollen wir
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin