Page - 265 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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berufen, daß eine große Anzahl von Einzelergebnissen der Analyse, die man sonst als Produkte
der Suggestion verdächtigen würde, uns von anderer einwandfreier Seite bestätigt werden.
Unsere Gewährsmänner sind in diesem Falle die Dementen und Paranoiker, die über den
Verdacht suggestiver Beeinflussung natürlich hoch erhaben sind. Was uns diese Kranken an
Symbolübersetzungen und Phantasien erzählen, die bei ihnen zum Bewußtsein durchgedrungen
sind, deckt sich getreulich mit den Ergebnissen unserer Untersuchungen an dem Unbewußten der
Übertragungsneurotiker und bekräftigt so die objektive Richtigkeit unserer oft bezweifelten
Deutungen. Ich glaube, Sie werden nicht irregehen, wenn Sie in diesen Punkten der Analyse Ihr
Zutrauen schenken.
Wir wollen jetzt unsere Darstellung vom Mechanismus der Heilung vervollständigen, indem wir
sie in die Formeln der Libidotheorie kleiden. Der Neurotiker ist genuß- und leistungsunfähig, das
erstere, weil seine Libido auf kein reales Objekt gerichtet ist, das letztere, weil er sehr viel von
seiner sonstigen Energie aufwenden muß, um die Libido in der Verdrängung zu erhalten und sich
ihres Ansturmes zu erwehren. Er würde gesund, wenn der Konflikt zwischen seinem Ich und
seiner Libido ein Ende hätte und sein Ich wieder die Verfügung über seine Libido besäße. Die
therapeutische Aufgabe besteht also darin, die Libido aus ihren derzeitigen, dem Ich entzogenen
Bindungen zu lösen und sie wieder dem Ich dienstbar zu machen. Wo steckt nun die Libido des
Neurotikers? Leicht zu finden; sie ist an die Symptome gebunden, die ihr die derzeit einzig
mögliche Ersatzbefriedigung gewähren. Man muß also der Symptome Herr werden, sie auflösen,
gerade dasselbe, was der Kranke von uns fordert. Zur Lösung der Symptome wird es nötig, bis
auf deren Entstehung zurückzugehen, den Konflikt, aus dem sie hervorgegangen sind, zu
erneuern und ihn mit Hilfe solcher Triebkräfte, die seinerzeit nicht verfügbar waren, zu einem
anderen Ausgang zu lenken. Diese Revision des Verdrängungsprozesses läßt sich nur zum Teil
an den Erinnerungsspuren der Vorgänge vollziehen, welche zur Verdrängung geführt haben. Das
entscheidende Stück der Arbeit wird geleistet, indem man im Verhältnis zum Arzt, in der
»Übertragung«, Neuauflagen jener alten Konflikte schafft, in denen sich der Kranke benehmen
möchte, wie er sich seinerzeit benommen hat, während man ihn durch das Aufgebot aller
verfügbaren seelischen Kräfte zu einer anderen Entscheidung nötigt. Die Übertragung wird also
das Schlachtfeld, auf welchem sich alle miteinander ringenden Kräfte treffen sollen.
Alle Libido wie alles Widerstreben gegen sie wird auf das eine Verhältnis zum Arzt gesammelt;
dabei ist es unvermeidlich, daß die Symptome von der Libido entblößt werden. An Stelle der
eigenen Krankheit des Patienten tritt die künstlich hergestellte der Übertragung, die
Übertragungskrankheit, an Stelle der verschiedenartigen irrealen Libidoobjekte das eine
wiederum phantastische Objekt der ärztlichen Person. Der neue Kampf um dieses Objekt wird
aber mit Hilfe der ärztlichen Suggestion auf die höchste psychische Stufe gehoben, er verläuft als
normaler seelischer Konflikt. Durch die Vermeidung einer neuerlichen Verdrängung wird der
Entfremdung zwischen Ich und Libido ein Ende gemacht, die seelische Einheit der Person
wiederhergestellt. Wenn die Libido von dem zeitweiligen Objekt der ärztlichen Person wieder
abgelöst wird, kann sie nicht zu ihren früheren Objekten zurückkehren, sondern steht zur
Verfügung des Ichs. Die Mächte, die man während dieser therapeutischen Arbeit bekämpft hat,
sind einerseits die Abneigung des Ichs gegen gewisse Richtungen der Libido, die sich als
Verdrängungsneigung geäußert hat, und anderseits die Zähigkeit oder Klebrigkeit der Libido, die
einmal von ihr besetzte Objekte nicht gerne verläßt.
Die therapeutische Arbeit zerlegt sich also in zwei Phasen; in der ersten wird alle Libido von den
Symptomen her in die Übertragung gedrängt und dort konzentriert, in der zweiten der Kampf um
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin