Page - 268 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Viele Behandlungsversuche mißlangen in der Frühzeit der Analyse, weil sie an Fällen
unternommen waren, die sich überhaupt nicht für das Verfahren eignen und die wir heute durch
unsere Indikationsstellung ausschließen. Aber diese Indikationen konnten auch nur durch den
Versuch gewonnen werden. Von vornherein wußte man seinerzeit nicht, daß Paranoia und
Dementia praecox in ausgeprägten Formen unzugänglich sind, und hatte noch das Recht, die
Methode an allerlei Affektionen zu erproben. Die meisten Mißerfolge jener ersten Jahre sind aber
nicht durch die Schuld des Arztes oder wegen der ungeeigneten Objektwahl, sondern durch die
Ungunst der äußeren Bedingungen zustande gekommen. Wir haben nur von den inneren
Widerständen gehandelt, denen des Patienten, die notwendig und überwindbar sind. Die äußeren
Widerstände, die der Analyse von den Verhältnissen des Kranken, von seiner Umgebung bereitet
werden, haben ein geringes theoretisches Interesse, aber die größte praktische Wichtigkeit. Die
psychoanalytische Behandlung ist einem chirurgischen Eingriff gleichzusetzen und hat wie dieser
den Anspruch, unter den für das Gelingen günstigsten Veranstaltungen vorgenommen zu werden.
Sie wissen, welche Vorkehrungen der Chirurg dabei zu treffen pflegt: geeigneter Raum, gutes
Licht, Assistenz, Ausschließung der Angehörigen usw. Nun fragen Sie sich selbst, wie viele
dieser Operationen gut ausgehen würden, wenn sie im Beisein aller Familienmitglieder
stattfinden müßten, die ihre Nasen in das Operationsfeld stecken und bei jedem Messerschnitt
laut aufschreien würden. Bei den psychoanalytischen Behandlungen ist die Dazwischenkunft der
Angehörigen geradezu eine Gefahr, und zwar eine solche, der man nicht zu begegnen weiß. Man
ist gegen die inneren Widerstände des Patienten, die man als notwendig erkennt, gerüstet, aber
wie soll man sich gegen jene äußeren Widerstände wehren? Den Angehörigen des Patienten kann
man durch keinerlei Aufklärung beikommen, man kann sie nicht dazu bewegen, sich von der
ganzen Angelegenheit fernzuhalten, und man darf nie gemeinsame Sache mit ihnen machen, weil
man dann Gefahr läuft, das Vertrauen des Kranken zu verlieren, der – übrigens mit Recht –
fordert, daß sein Vertrauensmann auch seine Partei nehme. Wer überhaupt weiß, von welchen
Spaltungen oft eine Familie zerklüftet wird, der kann auch als Analytiker nicht von der
Wahrnehmung überrascht werden, daß die dem Kranken Nächsten mitunter weniger Interesse
daran verraten, daß er gesund werde, als daß er so bleibe, wie er ist. Wo, wie so häufig, die
Neurose mit Konflikten zwischen Familienmitgliedern zusammenhängt, da bedenkt sich der
Gesunde nicht lange bei der Wahl zwischen seinem Interesse und dem der Wiederherstellung des
Kranken. Es ist ja nicht zu verwundern, wenn der Ehemann eine Behandlung nicht gerne sieht, in
welcher, wie er mit Recht vermuten darf, sein Sündenregister aufgerollt werden wird; wir
verwundern uns auch nicht darüber, aber wir können uns dann keinen Vorwurf machen, wenn
unsere Bemühung erfolglos bleibt und vorzeitig abgebrochen wird, weil sich der Widerstand des
Mannes zu dem der kranken Frau hinzuaddiert hat. Wir hatten eben etwas unternommen, was
unter den bestehenden Verhältnissen undurchführbar war.
Ich will Ihnen anstatt vieler Fälle nur einen einzigen erzählen, in dem ich durch ärztliche
Rücksichten zu einer leidenden Rolle verurteilt wurde. Ich nahm – vor vielen Jahren – ein junges
Mädchen in analytische Behandlung, welches schon seit längerer Zeit aus Angst nicht auf die
Straße gehen und zu Hause nicht allein bleiben konnte. Die Kranke rückte langsam mit dem
Geständnis heraus, daß ihre Phantasie durch zufällige Beobachtungen des zärtlichen Verkehres
zwischen ihrer Mutter und einem wohlhabenden Hausfreund ergriffen worden sei. Sie war aber
so ungeschickt – oder so raffiniert –, der Mutter einen Wink von dem zu geben, was in den
Analysenstunden besprochen wurde, indem sie ihr Benehmen gegen die Mutter änderte, darauf
bestand, von keiner anderen als der Mutter gegen die Angst des Alleinseins beschützt zu werden,
und ihr angstvoll die Türe vertrat, wenn sie das Haus verlassen wollte. Die Mutter war früher
selbst sehr nervös gewesen, hatte aber in einer Wasserheilanstalt vor Jahren die Heilung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin