Page - 273 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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vor dreißig Jahren. Ich darf so sagen, denn ich habe im Laufe dieser Zeit eine Unzahl von Briefen
erhalten, deren Schreiber ihre Träume zur Deutung vorlegen oder Auskünfte über die Natur des
Traumes verlangen, die behaupten, daß sie die Traumdeutung gelesen haben und dabei doch in
jedem Satz ihre Verständnislosigkeit für unsere Traumlehre verraten. Das soll uns nicht abhalten,
uns nochmals im Zusammenhang vorzuführen, was wir vom Traum wissen. Sie erinnern sich, das
vorige Mal haben wir eine ganze Anzahl von Vorlesungen darauf verwendet, zu zeigen, wie man
zum Verständnis dieses bisher unerklärten seelischen Phänomens gelangt ist.
Wenn uns also jemand, z. B. ein Patient in der Analyse, einen seiner Träume berichtet, so nehmen
wir an, er habe uns hiemit eine der Mitteilungen gemacht, zu denen er sich durch den Eintritt in
die analytische Behandlung verpflichtet hatte. Eine Mitteilung freilich mit ungeeigneten Mitteln,
denn der Traum ist an sich keine soziale Äußerung, kein Mittel der Verständigung. Wir verstehen
ja auch nicht, was uns der Träumer sagen wollte, und er selbst weiß es auch nicht besser. Nun
haben wir rasch eine Entscheidung zu treffen: Entweder der Traum ist, wie uns die
nichtanalytischen Ärzte versichern, ein Anzeichen dafür, daß der Träumer schlecht geschlafen
hat, daß nicht alle seine Hirnpartien gleichmäßig zur Ruhe gekommen sind, daß einzelne Stellen
unter dem Einfluß unbekannter Reize weiterarbeiten wollten und es nur in sehr unvollkommener
Weise konnten. Wenn dem so ist, dann tun wir recht daran, uns mit dem psychisch wertlosen
Produkt der nächtlichen Störung nicht weiter zu beschäftigen. Denn was sollten wir von dessen
Untersuchung für unsere Absichten Brauchbares erwarten? Oder aber – doch wir merken, wir
haben uns von vornherein anders entschieden. Wir haben – zugegeben, recht willkürlich – die
Voraussetzung gemacht, das Postulat aufgestellt, daß auch dieser unverständliche Traum ein
vollgültiger, sinn- und wertvoller psychischer Akt sein müsse, den wir in der Analyse wie eine
andere Mitteilung verwenden können. Ob wir recht haben, kann nur der Erfolg des Versuchs
zeigen. Gelingt es uns, den Traum in eine solche wertvolle Äußerung umzuwandeln, so haben wir
offenbar Aussicht, Neues zu erfahren, Mitteilungen von einer Art zu erhalten, wie sie uns sonst
unzugänglich geblieben wären.
Nun aber erheben sich vor uns die Schwierigkeiten unserer Aufgabe und die Rätsel unseres
Themas. Wie stellen wir es an, den Traum in eine solche normale Mitteilung umzuwandeln, und
wie erklären wir es, daß ein Teil der Äußerungen des Patienten diese für ihn wie für uns gleich
unverständliche Form angenommen hat?
Sie sehen, meine Damen und Herren, daß ich dieses Mal nicht den Weg einer genetischen,
sondern den einer dogmatischen Darstellung gehe. Unser erster Schritt ist, unsere neue
Einstellung zum Problem des Traums durch die Einführung zweier neuer Begriffe, Namen,
festzulegen. Wir heißen, was man den Traum genannt hat, den Traumtext oder den manifesten
Traum, und das, was wir suchen, sozusagen hinter dem Traum vermuten, die latenten
Traumgedanken. Dann können wir unsere beiden Aufgaben in folgender Art aussprechen: Wir
haben den manifesten in den latenten Traum umzuwandeln und anzugeben, wie im Seelenleben
des Träumers der letztere zum ersteren geworden ist. Das erste Stück ist eine praktische Aufgabe,
es fällt der Traumdeutung zu, braucht eine Technik; das zweite eine theoretische, es soll den
angenommenen Prozeß der Traumarbeit erklären und kann nur eine Theorie sein. Beide, Technik
der Traumdeutung und Theorie der Traumarbeit, sind neu zu schaffen.
Mit welchem Stück sollen wir nun anfangen? Ich meine, mit der Technik der Traumdeutung; es
wird plastischer ausfallen und Ihnen einen lebendigeren Eindruck machen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin