Page - 278 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Vorlesungen so eingehend beschrieben, daß ich mich in der heutigen Überschau auf die
knappsten Zusammenfassungen beschränken darf.
Der Prozeß der Traumarbeit ist also etwas ganz Neues und Fremdartiges, dessengleichen vorher
nicht bekannt worden war. Er hat uns den ersten Einblick in die Vorgänge gegeben, die sich im
unbewußten System abspielen, und uns gezeigt, daß sie ganz andere sind, als was wir von
unserem bewußten Denken kennen, daß sie diesem letzteren als unerhört und fehlerhaft
erscheinen müßten. Die Bedeutung dieser Funde ist dann durch die Entdeckung erhöht worden,
daß bei der Bildung der neurotischen Symptome dieselben Mechanismen – wir getrauen uns nicht
zu sagen: Denkvorgänge – wirksam sind, die die latenten Traumgedanken in den manifesten
Traum verwandelt haben.
Im folgenden werde ich eine schematisierende Darstellungsweise nicht vermeiden können.
Nehmen wir an, wir überblicken in einem bestimmten Falle alle die latenten, mehr oder minder
affektiv geladenen Gedanken, durch die sich nach vollzogener Traumdeutung der manifeste
Traum ersetzt hat. Dann fällt uns unter ihnen ein Unterschied auf, und dieser Unterschied wird
uns weit führen. Fast alle dieser Traumgedanken werden vom Träumer erkannt oder anerkannt; er
gibt zu, er hat so gedacht, diesmal oder ein ander Mal, oder er hätte so denken können. Nur gegen
die Annahme eines einzigen sträubt er sich; der ist ihm fremd, vielleicht sogar widerlich;
möglicherweise wird er ihn in leidenschaftlicher Erregung von sich weisen. Nun wird uns klar,
die anderen Gedanken sind Stücke eines bewußten, korrekter gesagt: vorbewußten Denkens; sie
hätten auch im Wachleben gedacht werden können, haben sich auch wahrscheinlich tagsüber
gebildet. Dieser eine verleugnete Gedanke aber, oder richtiger diese eine Regung, ist ein Kind der
Nacht; sie gehört dem Unbewußten des Träumers an, wird darum von ihm verleugnet und
verworfen. Sie mußte den nächtlichen Nachlaß der Verdrängung abwarten, um es zu irgendeiner
Art von Ausdruck zu bringen. Immerhin ist dieser Ausdruck ein abgeschwächter, entstellter,
verkleideter; ohne die Arbeit der Traumdeutung hätten wir ihn nicht gefunden. Der Verknüpfung
mit den anderen einwandfreien Traumgedanken dankt diese unbewußte Regung die Gelegenheit,
sich in einer unscheinbaren Verkleidung durch die Schranke der Zensur einzuschleichen;
anderseits danken die vorbewußten Traumgedanken dieser selben Verknüpfung die Macht, das
Seelenleben auch während des Schlafs zu beschäftigen. Denn uns bleibt kein Zweifel daran:
Diese unbewußte Regung ist der eigentliche Schöpfer des Traums, sie bringt die psychische
Energie für seine Bildung auf. Wie jede andere Triebregung kann sie nichts anderes anstreben als
ihre eigene Befriedigung, und unsere Erfahrung im Traumdeuten zeigt uns auch, daß dies der
Sinn alles Träumens ist. In jedem Traum soll ein Triebwunsch als erfüllt dargestellt werden. Die
nächtliche Absperrung des Seelenlebens von der Realität, die dadurch ermöglichte Regression zu
primitiven Mechanismen machen es möglich, daß diese gewünschte Triebbefriedigung
halluzinatorisch als Gegenwart erlebt wird. Infolge derselben Regression werden im Traum
Vorstellungen in visuelle Bilder umgesetzt, die latenten Traumgedanken also dramatisiert und
illustriert.
Aus diesem Stück der Traumarbeit erhalten wir Auskunft über einige der auffälligsten und
besondersten Charaktere des Traums. Ich wiederhole den Hergang der Traumbildung. Die
Einleitung: der Wunsch zu schlafen, die absichtliche Abwendung von der Außenwelt. Zwei
Folgen derselben für den seelischen Apparat, erstens die Möglichkeit, daß ältere und primitivere
Arbeitsweisen in ihm hervortreten können, die Regression, zweitens die Herabsetzung des
Verdrängungswiderstandes, der auf dem Unbewußten lastet. Als Folge dieses letzteren Moments
ergibt sich die Möglichkeit zur Traumbildung, die von den Anlässen, den rege gewordenen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin