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verbindet, aber es entwickelt sich dann zu weiteren Bedeutungen, die sich von jener ersten
ableiten. Insoferne es dem männlichen Glied zu verdanken ist, daß man überhaupt aus dem
Geburtswasser zur Welt kann, wird die Brücke der Übergang vom Jenseits (dem
Noch-nicht-geboren-sein, dem Mutterleib) zum Diesseits (dem Leben), und da sich der Mensch
auch den Tod als Rückkehr in den Mutterleib (ins Wasser) vorstellt, bekommt die Brücke auch
die Bedeutung einer Beförderung in den Tod, und endlich in weiterer Entfernung von ihrem
Anfangssinn bezeichnet sie Übergang, Zustandsveränderung überhaupt. Dazu stimmt es dann,
wenn eine Frau, die den Wunsch nicht überwunden hat, ein Mann zu sein, so häufig von Brücken
träumt, die zu kurz sind, um das andere Ufer zu erreichen.
Im manifesten Inhalt der Träume kommen recht häufig Bilder und Situationen vor, die an
bekannte Motive aus Märchen, Sagen und Mythen erinnern. Die Deutung solcher Träume wirft
dann ein Licht auf die ursprünglichen Interessen, die diese Motive geschaffen haben, wobei wir
aber natürlich nicht an den Bedeutungswandel vergessen dürfen, der im Laufe der Zeiten dieses
Material betroffen hat. Unsere Deutungsarbeit deckt sozusagen den Rohstoff auf, der häufig
genug im weitesten Sinne sexuell zu nennen ist, aber in späterer Bearbeitung die
verschiedenartigste Verwendung fand. Solche Zurückführungen pflegen uns den Zorn aller nicht
analytisch gerichteten Forscher einzutragen, als ob wir alles, was sich an späteren Entwicklungen
darüber aufgebaut, leugnen oder geringschätzen wollten. Nichtsdestoweniger sind solche
Einsichten lehrreich und interessant. Das gleiche gilt für die Ableitung gewisser Motive der
bildenden Kunst, wenn z. B. J. Eisler (1919) nach der Anleitung von Träumen seiner Patienten
den mit einem Knäblein spielenden Jüngling, der im Hermes des Praxiteles dargestellt ist,
analytisch deutet. Nur noch ein Wort, aber ich kann es mir nicht versagen zu erwähnen, wie
häufig gerade mythologische Themen durch die Traumdeutung Aufklärung finden. So läßt sich
z. B. die Labyrinthsage als Darstellung einer analen Geburt erkennen; die verschlungenen Gänge
sind der Darm, der Ariadnefaden die Nabelschnur.
Die Darstellungsweisen der Traumarbeit, ein reizvoller und kaum zu erschöpfender Stoff, sind
uns durch eingehendes Studium immer vertrauter worden; ich will Ihnen auch davon einige
Proben geben. So z.
B. stellt der Traum die Relation der Häufigkeit durch die Vervielfältigung
von Gleichartigem dar. Hören Sie den sonderbaren Traum eines jungen Mädchens an: Sie tritt in
einen großen Saal ein und findet in ihm eine Person auf einem Stuhl sitzend, sechs-, achtmal,
noch öfter wiederholt, die aber jedesmal ihr Vater ist. Das versteht sich leicht, wenn man aus den
Nebenumständen der Deutung erfährt, daß dieser Raum den Mutterleib vorstellt. Dann wird der
Traum gleichwertig mit der uns wohlbekannten Phantasie des Mädchens, das schon im
Intrauterinleben mit dem Vater zusammengetroffen sein will, wenn er während der
Schwangerschaft dem Mutterleib einen Besuch abstattete. Daß etwas im Traum umgekehrt, das
Eintreten vom Vater auf die eigene Person verschoben ist, darf Sie nicht beirren; es hat übrigens
noch seine besondere Bedeutung. Die Vervielfältigung der Vaterperson kann nur ausdrücken, daß
der betreffende Vorgang sich wiederholt ereignet hat. Eigentlich müssen wir auch zugestehen,
daß der Traum sich nicht viel herausnimmt, wenn er Häufigkeit durch Häufung ausdrückt. Er hat
nur auf die Urbedeutung des Wortes zurückgegriffen, das uns heute eine Wiederholung in der
Zeit bezeichnet, aber von einer Ansammlung im Raum hergenommen ist. Aber die Traumarbeit
setzt überhaupt, wo es angeht, zeitliche Beziehungen in räumliche um und stellt sie als solche
dar. Man sieht etwa im Traum eine Szene zwischen Personen, die sehr klein und weit entfernt
erscheinen, als ob man sie durch das umgekehrte Ende eines Opernglases betrachten würde. Die
Kleinheit wie die räumliche Entfernung bedeuten hier das gleiche, es ist die Entfernung in der
Zeit gemeint, es soll verstanden werden, daß es eine Szene aus weit zurückliegender
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin