Page - 284 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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erhoben, deren Erörterung weitab führt, allerdings noch keine voll befriedigende Erledigung
gefunden hat. Die erste ist durch die Tatsache gegeben, daß Personen, die ein Schockerlebnis, ein
schweres psychisches Trauma durchgemacht haben, wie es so oft im Krieg der Fall war und sich
auch als Begründung einer traumatischen Hysterie findet, vom Traum so regelmäßig in die
traumatische Situation zurückversetzt werden. Das sollte nach unseren Annahmen über die
Funktion des Traumes nicht der Fall sein. Welche Wunschregung könnte durch dieses
Rückgreifen auf das höchst peinliche traumatische Erlebnis befriedigt werden? Das ist schwer zu
erraten. Mit der zweiten Tatsache treffen wir in der analytischen Arbeit fast täglich zusammen;
sie bedeutet auch keinen so gewichtigen Einwand wie die andere. Sie wissen, es ist eine der
Aufgaben der Psychoanalyse, den Schleier der Amnesie zu lüften, der die ersten Kinderjahre
verhüllt und die in ihnen enthaltenen Äußerungen des frühkindlichen Sexuallebens zur bewußten
Erinnerung zu bringen. Nun sind diese ersten Sexualerlebnisse des Kindes mit schmerzlichen
Eindrücken von Angst, Verbot, Enttäuschung und Bestrafung verknüpft; man versteht, daß sie
verdrängt worden sind, aber dann versteht man nicht, daß sie einen so breiten Zugang zum
Traumleben haben, daß sie die Muster für so viele Traumphantasien hergeben, daß die Träume
von Reproduktionen dieser Infantilszenen und von Anspielungen an sie erfüllt sind. Ihr
Unlustcharakter und die Wunscherfüllungstendenz der Traumarbeit scheinen sich doch schlecht
miteinander zu vertragen. Aber vielleicht sehen wir in diesem Fall die Schwierigkeit zu groß. An
denselben Kindheitserlebnissen haften ja alle die unvergänglichen, unerfüllten Triebwünsche, die
durchs ganze Leben die Energie für die Traumbildung abgeben, denen man es wohl zutrauen
kann, daß sie in ihrem gewaltigen Auftrieb auch das Material peinlich empfundener
Begebenheiten an die Oberfläche drängen können. Und anderseits ist in der Art und Weise, wie
dieses Material reproduziert wird, die Bemühung der Traumarbeit unverkennbar, die die Unlust
durch Entstellung verleugnen, Enttäuschung in Gewährung verwandeln will. Bei den
traumatischen Neurosen ist es anders, hier laufen die Träume regelmäßig in Angstentwicklung
aus. Ich meine, wir sollen uns nicht scheuen zuzugestehen, daß in diesem Falle die Funktion des
Traumes versagt. Ich will mich nicht auf den Satz berufen, daß die Ausnahme die Regel bestätigt;
seine Weisheit erscheint mir recht zweifelhaft. Aber wohl hebt die Ausnahme die Regel nicht auf.
Wenn man eine einzelne psychische Leistung wie das Träumen zum Zweck des Studiums aus
dem ganzen Getriebe isoliert, hat man es sich möglich gemacht, die ihr eigenen
Gesetzmäßigkeiten aufzudecken; wenn man sie wiederum ins Gefüge einsetzt, muß man gefaßt
sein zu finden, daß diese Ergebnisse durch den Zusammenstoß mit anderen Mächten verdunkelt
oder beeinträchtigt werden. Wir sagen, der Traum ist eine Wunscherfüllung; wenn Sie den letzten
Einwänden Rechnung tragen wollen, so sagen Sie immerhin, der Traum ist der Versuch einer
Wunscherfüllung. Für keinen, der sich in die psychische Dynamik hineinversetzen kann, haben
Sie dann etwas anderes gesagt. Unter bestimmten Verhältnissen kann der Traum seine Absicht
nur sehr unvollkommen durchsetzen oder muß sie überhaupt aufgeben; die unbewußte Fixierung
an ein Trauma scheint unter diesen Verhinderungen der Traumfunktion obenan zu stehen.
Während der Schläfer träumen muß, weil der nächtliche Nachlaß der Verdrängung den Auftrieb
der traumatischen Fixierung aktiv werden läßt, versagt die Leistung seiner Traumarbeit, die die
Erinnerungsspuren der traumatischen Begebenheit in eine Wunscherfüllung umwandeln möchte.
Unter diesen Verhältnissen ereignet es sich, daß man schlaflos wird, aus Angst vor dem
Mißglücken der Traumfunktion auf den Schlaf verzichtet. Die traumatische Neurose zeigt uns da
einen extremen Fall, aber man muß auch den Kindheitserlebnissen den traumatischen Charakter
zugestehen und braucht sich nicht zu verwundern, wenn sich geringfügigere Störungen der
Traumleistung auch unter anderen Bedingungen ergeben.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin