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30. Vorlesung
Traum und Okkultismus
Meine Damen und Herren! Wir werden heute einen schmalen Weg gehen, aber der kann uns zu
einer weiten Aussicht führen.
Die Ankündigung, daß ich über die Beziehung des Traums zum Okkultismus sprechen werde,
kann Sie kaum überraschen. Der Traum ist ja oft als die Pforte zur Welt der Mystik betrachtet
worden, gilt heute noch vielen selbst als ein okkultes Phänomen. Auch wir, die ihn zum Objekt
wissenschaftlicher Untersuchung gemacht haben, bestreiten nicht, daß ihn ein oder mehrere
Fäden mit jenen dunklen Dingen verknüpfen. Mystik, Okkultismus, was ist mit diesen Namen
gemeint? Erwarten Sie keinen Versuch von mir, diese schlecht umgrenzten Gebiete durch
Definitionen zu umfassen. In einer allgemeinen und unbestimmten Weise wissen wir alle, woran
wir dabei zu denken haben. Es ist eine Art von Jenseits der hellen, von unerbittlichen Gesetzen
beherrschten Welt, welche die Wissenschaft für uns aufgebaut hat.
Der Okkultismus behauptet die reale Existenz jener »Dinge zwischen Himmel und Erde, von
denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt«. Nun, wir wollen nicht an der
Engherzigkeit der Schule festhalten; wir sind bereit zu glauben, was man uns glaubwürdig macht.
Wir gedenken mit diesen Dingen zu verfahren wie mit allem anderen Material der Wissenschaft,
zunächst festzustellen, ob solche Vorgänge wirklich nachweisbar sind, und dann, aber erst dann,
wenn sich ihre Tatsächlichkeit nicht bezweifeln läßt, uns um ihre Erklärung zu bemühen. Aber es
ist nicht zu leugnen, daß schon dieser Entschluß uns schwergemacht wird durch intellektuelle,
psychologische und historische Momente. Es ist nicht derselbe Fall, wie wenn wir an andere
Untersuchungen herangehen.
Die intellektuelle Schwierigkeit zuerst! Gestatten Sie mir grobe, handgreifliche
Verdeutlichungen. Nehmen wir an, es handle sich um die Frage nach der Beschaffenheit des
Erdinnern. Bekanntlich wissen wir nichts Sicheres darüber. Wir vermuten, daß es aus schweren
Metallen im glühenden Zustand besteht. Nun stelle einer die Behauptung auf, das Erdinnere sei
mit Kohlensäure gesättigtes Wasser, also eine Art Sodawasser. Wir werden gewiß sagen, das ist
sehr unwahrscheinlich, widerspricht allen unseren Erwartungen, nimmt keine Rücksicht auf jene
Anhaltspunkte unseres Wissens, die uns zur Aufstellung der Metallhypothese geführt haben.
Aber undenkbar ist es immerhin nicht; wenn uns jemand einen Weg zur Prüfung der
Sodawasserhypothese zeigt, werden wir ihn ohne Widerstand gehen. Aber nun kommt ein
anderer mit der ernsthaften Behauptung, der Erdkern bestehe aus Marmelade! Dagegen werden
wir uns ganz anders verhalten. Wir werden uns sagen, Marmelade kommt in der Natur nicht vor,
es ist ein Produkt der menschlichen Küche, die Existenz dieses Stoffes setzt außerdem das
Vorhandensein von Obstbäumen und von deren Früchten voraus, und wir wüßten nicht, wie wir
Vegetation und menschliche Kochkunst ins Erdinnere verlegen könnten; das Ergebnis dieser
intellektuellen Einwendungen wird eine Schwenkung unseres Interesses sein, anstatt auf die
Untersuchung einzugehen, ob wirklich der Erdkern aus Marmelade besteht, werden wir uns
fragen, was es für ein Mensch sein muß, der auf eine solche Idee kommen kann, und höchstens
noch ihn fragen, woher er das weiß. Der unglückliche Urheber der Marmeladetheorie wird
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin