Page - 290 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Mann, schreibt mir über einen Traum, der ihm merkwürdig erscheint. Er schickt voraus, seine
verheiratete, entfernt von ihm lebende Tochter erwarte Mitte Dezember ihre erste Niederkunft.
Diese Tochter steht ihm sehr nahe, er weiß auch, daß sie sehr innig an ihm hängt. Nun träumt er
in der Nacht vom 16. auf den 17. November, daß seine Frau Zwillinge geboren hat. Es folgen
mancherlei Einzelheiten, die ich hier übergehen kann, die auch nicht alle Aufklärung gefunden
haben. Die Frau, die im Traum Mutter der Zwillinge geworden ist, ist seine zweite Frau, die
Stiefmutter der Tochter. Er wünscht sich keine Kinder von dieser Frau, der er die Eignung zur
verständigen Kindererziehung abspricht, hatte auch zur Zeit des Traums den Geschlechtsverkehr
mit ihr lange ausgesetzt. Was ihn veranlaßt, mir zu schreiben, ist nicht ein Zweifel an der
Traumlehre, zu dem ihn der manifeste Trauminhalt berechtigt hätte, denn warum läßt der Traum
im vollen Gegensatz zu seinen Wünschen diese Frau Kinder gebären? Auch zu einer
Befürchtung, daß dies unerwünschte Ereignis eintreffen könnte, lag nach seiner Auskunft kein
Anlaß vor. Was ihn bewog, mir von diesem Traum zu berichten, war der Umstand, daß er am 18.
November früh die telegraphische Nachricht erhielt, die Tochter sei mit Zwillingen
niedergekommen. Das Telegramm war tags vorher aufgegeben worden, die Geburt in der Nacht
vom 16. auf den 17. erfolgt, ungefähr zur gleichen Stunde, als er von der Zwillingsgeburt seiner
Frau träumte. Der Träumer fragt mich, ob ich das Zusammentreffen von Traum und Ereignis für
zufällig halte. Er getraut sich nicht, den Traum einen telepathischen zu nennen, denn der
Unterschied zwischen Trauminhalt und Ereignis betrifft gerade das, was ihm das Wesentliche
scheint, die Person der Gebärenden. Aber aus einer seiner Bemerkungen geht hervor, daß er sich
über einen richtigen telepathischen Traum nicht verwundert hätte. Die Tochter, meint er, habe in
ihrer schweren Stunde sicher »besonders an ihn gedacht«.
Meine Damen und Herren! Ich bin sicher, Sie können sich diesen Traum bereits erklären und
verstehen auch, warum ich ihn Ihnen erzählt habe. Da ist ein Mann, mit seiner zweiten Frau
unzufrieden, er möchte lieber eine Frau haben wie seine Tochter aus erster Ehe. Fürs Unbewußte
entfällt natürlich dieses: wie. Nun trifft ihn nächtlicherweile die telepathische Botschaft, die
Tochter hat Zwillinge geboren. Die Traumarbeit bemächtigt sich dieser Nachricht, läßt den
unbewußten Wunsch auf sie einwirken, der die Tochter an die Stelle der zweiten Frau setzen
möchte, und so entsteht der befremdende manifeste Traum, der den Wunsch verhüllt und die
Botschaft entstellt. Wir müssen sagen, erst die Traumdeutung hat uns gezeigt, daß es ein
telepathischer Traum ist, die Psychoanalyse hat einen telepathischen Tatbestand aufgedeckt, den
wir sonst nicht erkannt hätten.
Aber lassen Sie sich ja nicht irreführen! Trotzdem hat die Traumdeutung nichts über die
objektive Wahrheit des telepathischen Tatbestands ausgesagt. Es kann auch ein Anschein sein,
der sich auf andere Weise aufklären läßt. Es ist möglich, daß die latenten Traumgedanken des
Mannes gelautet haben: Heute ist ja der Tag, an dem die Entbindung erfolgen müßte, wenn die
Tochter, wie ich eigentlich glaube, sich um einen Monat verrechnet hat. Und ihr Aussehen war
schon damals, als ich sie zuletzt sah, so, als ob sie Zwillinge haben würde. Und meine
verstorbene Frau war so kinderlieb, wie würde die sich über Zwillinge gefreut haben! (Letzteres
Moment setze ich nach noch nicht erwähnten Assoziationen des Träumers ein.) In diesem Fall
wären gut begründete Vermutungen des Träumers, nicht eine telepathische Botschaft der Anreiz
zum Traum gewesen, der Erfolg bliebe der nämliche. Sie sehen, auch diese Traumdeutung hat
nichts über die Frage ausgesagt, ob man der Telepathie objektive Realität zugestehen darf. Das
ließe sich nur durch eingehende Erkundigung nach allen Verhältnissen des Vorfalles entscheiden,
was leider bei diesem Beispiel ebensowenig möglich war wie bei den anderen meiner Erfahrung.
Zugegeben, daß die Annahme der Telepathie die bei weitem einfachste Erklärung gibt, aber
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin