Page - 291 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 291 -
Text of the Page - 291 -
damit ist nicht viel gewonnen. Die einfachste Erklärung ist nicht immer die richtige, die Wahrheit
ist sehr oft nicht einfach, und ehe man sich zu einer so weittragenden Annahme entschließt, will
man alle Vorsichten eingehalten haben.
Das Thema: Traum und Telepathie können wir jetzt verlassen, ich habe Ihnen nichts mehr
darüber zu sagen. Aber beachten Sie wohl, nicht der Traum schien uns etwas über die Telepathie
zu lehren, sondern die Deutung des Traumes, die psychoanalytische Bearbeitung. Somit können
wir im folgenden vom Traum ganz absehen und wollen der Erwartung nachgehen, daß die
Anwendung der Psychoanalyse einiges Licht auf andere, okkult geheißene Tatbestände werfen
kann. Da ist z. B. das Phänomen der Induktion oder Gedankenübertragung, das der Telepathie
sehr nahesteht, eigentlich ohne viel Zwang mit ihr vereinigt werden kann. Es besagt, daß
seelische Vorgänge in einer Person, Vorstellungen, Erregungszustände, Willensimpulse sich
durch den freien Raum auf eine andere Person übertragen können, ohne die bekannten Wege der
Mitteilung durch Worte und Zeichen zu gebrauchen. Sie verstehen, wie merkwürdig, vielleicht
auch praktisch bedeutsam es wäre, wenn dergleichen wirklich vorkäme. Nebenbei gesagt, es ist
verwunderlich, daß gerade von diesem Phänomen in den alten Wunderberichten am wenigsten
die Rede ist.
Während der psychoanalytischen Behandlung von Patienten habe ich den Eindruck bekommen,
daß das Treiben der berufsmäßigen Wahrsager eine günstige Gelegenheit verbirgt, um besonders
einwandfreie Beobachtungen über Gedankenübertragung anzustellen. Das sind unbedeutende
oder selbst minderwertige Personen, die sich irgendeiner Hantierung hingeben, Karten
aufschlagen, Schriften und Handlinien studieren, astrologische Berechnungen anstellen und dabei
ihren Besuchern die Zukunft vorhersagen, nachdem sie sich mit Stücken von deren vergangenen
oder gegenwärtigen Schicksalen vertraut gezeigt haben. Ihre Klienten zeigen sich meistens recht
befriedigt durch diese Leistungen und sind ihnen auch nicht gram, wenn die Prophezeiungen
späterhin nicht eintreffen. Ich bin mehrerer solcher Fälle habhaft geworden, konnte sie analytisch
studieren und werde Ihnen gleich das merkwürdigste dieser Beispiele erzählen. Leider wird die
Beweiskraft dieser Mitteilungen durch die zahlreichen Verschweigungen beeinträchtigt, zu denen
mich die Pflicht der ärztlichen Diskretion nötigt. Entstellungen habe ich aber mit strengem
Vorsatz vermieden. Hören Sie also die Geschichte einer meiner Patientinnen, die ein solches
Erlebnis mit einem Wahrsager gehabt hat.
Sie war die älteste einer Reihe von Geschwistern gewesen, in einer außerordentlich starken
Vaterbindung aufgewachsen, hatte jung geheiratet, in der Ehe volle Befriedigung gefunden. Zu
ihrem Glück fehlte nur eines, daß sie kinderlos geblieben war, ihren geliebten Mann also nicht
völlig an die Stelle des Vaters rücken konnte. Als sie nach langen Jahren der Enttäuschung sich
zu einer gynäkologischen Operation entschließen wollte, machte ihr der Mann die Eröffnung, daß
die Schuld an ihm liege, er sei durch eine Erkrankung vor der Ehe unfähig zur Kinderzeugung
geworden. Diese Enttäuschung vertrug sie schlecht, wurde neurotisch, litt offenbar an
Versuchungsängsten. Um sie aufzuheitern, nahm sie der Mann auf eine Geschäftsreise nach Paris
mit. Dort saßen sie eines Tages in der Halle des Hotels, als ihr eine gewisse Geschäftigkeit unter
den Angestellten auffiel. Sie fragte, was es gäbe, und erfuhr, Monsieur le professeur sei
gekommen und erteile Konsultationen in jenem Kabinett. Sie äußerte ihren Wunsch, auch einen
Versuch zu machen. Der Mann schlug es ab, aber in einem unbewachten Moment war sie in den
Konsultationsraum geschlüpft und stand vor dem Wahrsager. Sie war 27 Jahre alt, sah viel jünger
aus, hatte den Ehering abgelegt. Monsieur le professeur ließ sie die Hand auf eine Tasse legen,
die mit Asche gefüllt war, studierte sorgfältig den Abdruck, erzählte ihr dann allerlei von
291
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin