Page - 292 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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schweren Kämpfen, die ihr bevorstünden, und schloß mit der tröstlichen Versicherung, sie werde
doch noch heiraten und mit 32 Jahren zwei Kinder haben. Als sie mir diese Geschichte erzählte,
war sie 43 Jahre alt, schwer krank und ohne jede Aussicht, jemals ein Kind zu bekommen. Die
Prophezeiung war also nicht eingetroffen, doch sprach sie von ihr keineswegs mit Bitterkeit,
sondern mit dem unverkennbaren Ausdruck der Befriedigung, als ob sie ein erfreuliches Erlebnis
erinnern würde. Es war leicht festzustellen, daß sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was die
beiden Zahlen der Prophezeiung bedeuten könnten und ob sie überhaupt etwas bedeuteten.
Sie werden sagen, das ist eine dumme und unverständliche Geschichte, und fragen, wozu ich sie
Ihnen erzählt habe. Nun, ich wäre ganz Ihrer Meinung, wenn nicht – und das ist jetzt der
springende Punkt – die Analyse uns eine Deutung jener Prophezeiung ermöglichte, die gerade
durch die Aufklärung der Details zwingend wirkt. Die beiden Zahlen finden nämlich ihren Platz
im Leben der Mutter meiner Patientin. Diese hatte spät geheiratet, nach dreißig, und man hatte in
der Familie oft dabei verweilt, daß sie sich so erfolgreich beeilt hatte, das Versäumte
nachzuholen. Die beiden ersten Kinder, unsere Patientin voran, wurden mit dem kleinsten
möglichen Intervall in dem gleichen Kalenderjahr geboren, und mit 32 Jahren hatte sie wirklich
schon zwei Kinder. Was Monsieur le professeur meiner Patientin gesagt hatte, hieß also: Trösten
Sie sich, Sie sind noch so jung. Sie werden noch dasselbe Schicksal haben wie Ihre Mutter, die
auch lange auf Kinder warten mußte, werden zwei Kinder haben mit 32 Jahren. Aber, dasselbe
Schicksal zu haben wie die Mutter, sich an ihre Stelle zu setzen, ihren Platz beim Vater
einzunehmen, das war ja der stärkste Wunsch ihrer Jugend gewesen, der Wunsch, an dessen
Nichterfüllung sie jetzt zu erkranken begann. Die Prophezeiung versprach ihr, daß er doch noch
zur Erfüllung kommen werde; wie sollte sie gegen den Propheten anders als freundlich fühlen
können? Aber halten Sie es für möglich, daß Monsieur le professeur mit den Daten der intimen
Familiengeschichte seiner zufälligen Klientin vertraut war? Unmöglich; woher kam ihm also die
Kenntnis, die ihn befähigte, den stärksten und geheimsten Wunsch der Patientin durch die
Aufnahme der beiden Zahlen in seine Prophezeiung auszudrücken? Ich sehe nur zwei
Möglichkeiten der Erklärung. Entweder ist die Geschichte, so wie sie mir erzählt wurde, nicht
wahr, hat sich anders zugetragen, oder es ist anzuerkennen, daß eine Gedankenübertragung als
reales Phänomen besteht. Man kann freilich die Annahme machen, daß die Patientin nach einem
Intervall von 16 Jahren die beiden Zahlen, auf die es ankommt, aus ihrem Unbewußten in jene
Erinnerung eingesetzt hat. Ich habe keinen Anhaltspunkt für diese Vermutung, aber ich kann sie
nicht ausschließen, und ich stelle mir vor, daß Sie eher bereit sein werden, an eine solche
Auskunft zu glauben als an die Realität der Gedankenübertragung. Wenn Sie sich zu letzterem
entschließen, vergessen Sie nicht daran, daß erst die Analyse den okkulten Tatbestand
geschaffen, ihn aufgedeckt hat, wo er bis zur Unkenntlichkeit entstellt war.
Handelte es sich nur um einen solchen Fall wie der meiner Patientin, so würde man
achselzuckend über ihn hinweggehen. Niemand fällt es ein, einen Glauben, der eine so
entscheidende Wendung bedeutet, auf einer vereinzelten Beobachtung aufzubauen. Aber glauben
Sie meiner Versicherung, es ist nicht der einzige Fall in meiner Erfahrung. Ich habe eine ganze
Reihe von solchen Prophezeiungen gesammelt und von allen den Eindruck gewonnen, daß der
Wahrsager nur die Gedanken der ihn befragenden Personen und ganz besonders ihre geheimen
Wünsche zum Ausdruck gebracht hatte, daß man also berechtigt war, solche Prophezeiungen zu
analysieren, als wären es subjektive Produktionen, Phantasien oder Träume der Betreffenden.
Natürlich sind nicht alle Fälle gleich beweiskräftig und nicht in allen ist es gleich möglich,
rationellere Erklärungen auszuschließen, aber es bleibt doch vom Ganzen ein starker Überschuß
von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten einer tatsächlichen Gedankenübertragung übrig. Die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin