Page - 293 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 293 -
Text of the Page - 293 -
Wichtigkeit des Gegenstandes würde es rechtfertigen, daß ich Ihnen alle meine Fälle vorführe,
aber das kann ich nicht, wegen der Weitläufigkeit der dazu nötigen Darstellung und der dabei
unvermeidlichen Verletzung der schuldigen Diskretion. Ich versuche es, mein Gewissen
möglichst zu beschwichtigen, wenn ich Ihnen noch einige Beispiele gebe.
Eines Tages sucht mich ein hochintelligenter junger Mann auf, ein Student vor seinen letzten
Doktorprüfungen, aber nicht imstande, sie abzulegen, denn, wie er klagt, hat er alle Interessen,
Konzentrationsfähigkeit, selbst die Möglichkeit geordneter Erinnerung verloren. Die
Vorgeschichte dieses lähmungsartigen Zustandes ist bald aufgedeckt, er ist nach einer Leistung
großer Selbstüberwindung erkrankt. Er hat eine Schwester, an der er mit intensiver, aber stets
verhaltener Liebe hing, wie sie an ihm. Wie schade, daß wir beide uns nicht heiraten können,
hieß es oft genug unter ihnen. Ein würdiger Mann verliebte sich in diese Schwester, sie erwiderte
die Neigung, aber die Eltern gaben die Verbindung nicht zu. In dieser Notlage wandte sich das
Paar an den Bruder, der ihnen auch seine Hilfe nicht versagte. Er vermittelte die Korrespondenz
zwischen ihnen, seinem Einfluß gelang es auch, die Eltern endlich zur Zustimmung zu bewegen.
In der Verlobungszeit ereignete sich allerdings ein Zufall, dessen Bedeutung leicht zu erraten ist.
Er unternahm eine schwierige Bergpartie mit dem zukünftigen Schwager führerlos, die beiden
verloren den Weg und gerieten in die Gefahr, nicht mehr heil zurückzukommen. Kurz nach der
Heirat der Schwester geriet er in jenen Zustand seelischer Erschöpfung.
Durch den Einfluß der Psychoanalyse arbeitsfähig geworden, verließ er mich, um seine
Prüfungen zu machen, kam aber nach deren glücklicher Erledigung im Herbst desselben Jahres
für kurze Zeit zu mir zurück. Er berichtete mir dann über ein merkwürdiges Erlebnis, das er vor
dem Sommer gehabt hatte. In seiner Universitätsstadt gab es eine Wahrsagerin, die sich eines
großen Zulaufs erfreute. Auch die Prinzen des Herrscherhauses pflegten sie vor wichtigen
Unternehmungen regelmäßig zu konsultieren. Die Art, wie sie arbeitete, war sehr einfach. Sie
ließ sich die Geburtsdaten einer bestimmten Person geben, verlangte nichts anderes von ihr zu
wissen, auch nicht den Namen, dann schlug sie in astrologischen Büchern nach, machte lange
Berechnungen und am Ende gab sie eine Prophezeiung über die betreffende Person von sich.
Mein Patient beschloß, ihre Geheimkunst für seinen Schwager in Anspruch zu nehmen. Er
besuchte sie und nannte ihr die verlangten Daten von seinem Schwager. Nachdem sie ihre
Rechnungen angestellt hatte, tat sie die Prophezeiung: Diese Person wird im Juli oder August
dieses Jahres an einer Krebs- oder Austernvergiftung sterben. Mein Patient schloß dann seine
Erzählung mit den Worten: »Und das war ganz großartig!«
Ich hatte von Anfang an unwillig zugehört. Nach diesem Ausruf gestattete ich mir die Frage. Was
finden Sie an dieser Prophezeiung so großartig? Wir sind jetzt im Spätherbst, Ihr Schwager ist
nicht gestorben, das hätten Sie mir längst erzählt. Also ist die Prophezeiung nicht eingetroffen.
Das allerdings nicht, meinte er, aber das Merkwürdige ist folgendes. Mein Schwager ist ein
leidenschaftlicher Liebhaber von Krebsen und Austern und hat sich im vorigen Sommer – also
vor dem Besuch bei der Wahrsagerin – eine Austernvergiftung zugezogen, an der er fast
gestorben wäre. Was sollte ich darauf sagen? Ich konnte mich nur ärgern, daß der hochgebildete
Mann, der überdies eine erfolgreiche Analyse hinter sich hatte, den Zusammenhang nicht besser
durchschaute. Ich für meinen Teil, ehe ich daran glaube, daß man aus astrologischen Tafeln den
Eintritt einer Krebs- oder Austernvergiftung berechnen kann, will lieber annehmen, daß mein
Patient den Haß gegen den Rivalen noch immer nicht überwunden hatte, an dessen Verdrängung
er seinerzeit erkrankt war, und daß die Astrologin einfach seine eigene Erwartung aussprach:
solche Liebhabereien gibt man nicht auf und eines Tages wird er doch daran zugrunde gehen. Ich
293
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin